„Besser als sein Ruf“ – Digitaler Fachtag „Freiwillig engagiert in Sachsen“

01. Juni 2022

Über 60 Teilnehmende diskutierten beim digitalen Fachtag „Freiwillig engagiert in Sachsen – Befunde, Trends und Perspektiven“ am 20. Mai 2022 darüber, was im Bereich Ehrenamt im Freistaat gut läuft und wo noch Verbesserungsbedarf besteht. Die Veranstaltung war eine Kooperation der Stiftung Bürger für Bürger und des Sächsischen Sozialministeriums.

Das Ergebnis des Chat-Regens zum Thema „Engagement in Sachsen“

„Wir haben den Anspruch, unsere Ehrenamtspolitik auf den Prüfstand zu stellen.“ Mit dieser Motivation eröffnete Sebastian Vogel, Staatssekretär im Sächsischen Staatsministerium für Soziales und Gesellschaftlichen Zusammenhalt, das Programm des digitalen Fachtags. Sachsen habe in den letzten Jahren viel auf den Weg gebracht, etwa das Fortbildungsprogramm für Ehrenamtliche, die Gründung der landesweiten Ehrenamtsagentur oder die Engagementplattform ehrensache.jetzt. Auch wenn er viele Beispiele von sehr vorbildlichem Engagement kenne, schneide Sachsen in vergleichenden Studien zum Engagement doch eher unterdurchschnittlich ab. Daher rief er die Anwesenden dazu auf, offene, kritische und konstruktive Vorschläge zu machen, wie man mit diesen Ergebnissen umgehen könne. Es gehe jedoch nicht um einen Wettlauf sondern um Qualitätsentwicklung: „Wir würden gern ein volles Hausaufgabenheft mitnehmen“, so Vogel.

Im ersten Teil der Veranstaltung wurde der Blick auf die aktuellen wissenschaftlichen Ergebnisse zum Engagement in Sachsen gerichtet. Der Freiwilligensurvey wird seit 1999 alle fünf Jahre durchgeführt und vergleicht das bürgerschaftliche Engagement in allen Bundesländern.

Die Ergebnisse des Länderberichts Sachsen mit aktuellen Zahlen von 2019 stellten Prof. Dr. Everhard Holtmann und Tobias Jaeck vom Zentrum für Sozialforschung Halle e.V. der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg vor.

Tobias Jaeck, ZSH

In den vergangenen Jahren gab es eine Annäherung der Länder im Bereich der Engagementquote.  Im Durchschnitt aller Länder engagieren sich 39,7 % aller Deutschen freiwillig ehrenamtlich. Sachsen liegt hier im Ländervergleich mit 34,9% auf dem letztem Rang. Auffällig ist aber, dass in dünn besiedelten Kreisen in Sachsen die Engagementquote überdurchschnittlich hoch ist. Jedoch ist in Sachsen der Zusammenhang zwischen Alter und öffentlicher Aktivität am stärksten unter allen Bundesländern ausgeprägt, d.h.: Mit zunehmendem Alter sinkt die Bereitschaft für öffentlich-gemeinschaftliche Aktivitäten hier stärker als andernorts.

 

Prof. Dr. Everhard Holtmann, ZSH

Anschließend leitete Prof. Dr. Everhard Holtmann Empfehlungen aus den Forschungsergebnissen ab. Da es in Sachsen eine beträchtliche Engagementbereitschaft gebe (knapp 53% der Befragten geben an, dass sie sich vorstellen können, sich künftig zu engagieren), sei eine bessere Erschließung dieses Potenzials wichtig. Holtmann empfahl bei engagementfördernden Maßnahmen den Schwerpunkt in ländlichen Gebieten zu setzen.  Zudem sollten Ältere über 64 Jahre stärker für altersspezifisches Engagement gewonnen werden. Als letzten Punkt empfahl er, die Zugänglichkeit des kommunalen Sektors zu nutzen und Best-Practice-Beispiele von schon funktionierender Zusammenarbeit kommunaler Organe und aktiver Menschen zum Vorbild zu nehmen.

Die ganze Präsentation finden Sie hier.

In Teil 2 des Programms stellten Dr. Birthe Tahmaz und Dr. Holger Krimmer von ZiviZ im Stifterverband die landesspezifischen Ergebnisse ihrer Studie „Engagementförderung in Ostdeutschland“ vor, die sich mit engagementfördernden Infrastrukturen beschäftigt.

Dr. Birthe Tahmaz, ZiviZ

Dr. Birthe Tahmaz befand, dass es in Sachsen zunehmend themenfeld-übergreifende Fördermaßnahmen wie den Zukunftspakt Sachsen, das Förderprogramm „Demographischer Wandel“, die Schaffung der Ehrenamtsagentur Sachsen und der Plattform ehrensache.jetzt gebe. Handlungsbedarf gebe es bei der kostenfreien Bereitstellung von Räumlichkeiten für Engagierte, der Vereinfachung von Förderanträgen oder dem Ausbau der digitalen Infrastruktur. Auch fehle es an einer übergreifenden Engagementstrategie.

Dr. Holger Krimmer, ZiviZ

Dr. Holger Krimmer leitete dann Empfehlungen für die Engagementförderung in Ostdeutschland und Sachsen ab. Anschließend konnte in Kleingruppen über die Studienergebnisse und ihre Implikationen für das Engagement in Sachsen diskutiert werden.

Nach der Mittagspause waren dann die Vertreterinnen und Vertreter aus der Praxis gefragt. In Kleingruppen konnten sie Erfahrungen aus ihrer Arbeit vor Ort einbringen sowie Fragen und Anregungen für die Politik sammeln. Diese wurden dann in einer abschließenden Podiumsrunde von Moderator Alexander Thamm an Diskutierende aus Kommunalpolitik, Zivilgesellschaft und dem Sozialministerium gestellt:

Constance Arndt, OB der Stadt Zwickau

Constance Arndt, Oberbürgermeisterin der Stadt Zwickau, bezeichnete das Ehrenamt als „Klebstoff der Gesellschaft“. Hier seien Ansprechpartner und finanzielle Unterstützung wichtig, aber auch hauptamtliche Strukturen.

 

Thomas Zenker, OB der Stadt Zittau

Ihr Amtskollege Thomas Zenker, Oberbürgermeister der Stadt Zittau, schloss sich an diese Einschätzung an und forderte eine Strategie im Bereich Engagement. Es dürfe keine Priorisierung und Abwertung bestimmter Ehrenämter geben. Eine Strategie könne die „Vergleicherei“ in den Kommunen vermeiden.

Katrin Sachs, Bürgerstiftung Dresden

 

Sebastian Reißig, Geschäftsführer der Aktion Zivilcourage e.V. richtete den Blick auf positive Entwicklungen im Freistaat und hob das Potenzial der Digitalisierung hervor, das durch Corona entdeckt worden sei. „Jetzt kann die Oma aus der Oberlausitz mit der jungen Frau aus Leipzig-Connewitz in einem Raum sitzen“, so Reißig.

Katrin Sachs, Geschäftsführerin der Bürgerstiftung Dresden, betonte, dass das Bild, das die Studien von Sachsen zeichneten, nicht vollständig sei. „Sachsen ist besser als sein Ruf“, beschrieb sie ihre Erfahrungen.

Christian Aveniarius, Sächsisches Sozialministerium

Christian Avenarius, Abteilungsleiter im Sächsischen Staatsministerium für Soziales und Gesellschaftlichen Zusammenhalt, begrüßte die öffentliche Darstellung der Studienergebnisse. Nötig sei es, die Diskussion darüber gemeinsam fortzuführen. In Sachsen sei nichts ganz schwarz und nichts ganz weiß. Man könne selbstkritisch sein, es gebe aber keinen Grund, in Sack und Asche zu gehen. Im Freistaat gebe es unglaublich viel Engagement. Auch sei die Engagementpolitik inzwischen ein eigenständiges Politikfeld geworden.

Sebastian Reißig, Aktion Zivilcourage e.V.

Im weiteren Verlauf diskutierte die Runde über den Zusammenhang von Engagementförderung und Demokratiestärkung. Laut Sebastian Reißig ist Sachsen beim Thema Demokratieförderung sehr gut aufgestellt. Das beste Mittel gegen Rechtsextremismus ist es seiner Meinung nach, „Menschen zu stärken dort, wo sie sind“. Auch Thomas Zenker erkannte hier ein Potenzial des bürgerschaftlichen Engagements: Manchmal reiche eine sinnvolle Beschäftigung aus, um nicht rechtsextrem zu werden. Katrin Sachs rief dazu auf, wachsam zu bleiben und verwies auf die Gefahr der Unterwanderung von Vereinen.

Einig waren sich alle Diskutierenden beim Thema Anerkennung von Engagement. Die Zivilgesellschaft habe angesichts der Krisen der letzten Jahre eine enorme Kraft bewiesen, so Sebastian Reißig. Dafür verdiene sie Anerkennung. Diese könne neben symbolischen Ehrungen vor allem dadurch geschehen, dass man Ehrenamtler in ihrer Kompetenz befrage, sie ernst nehme und einbeziehe.

Einen Mitschnitt der wissenschaftlichen Präsentationen finden Sie hier.

Das Sozialministerium beabsichtigt, den Länderbericht Sachsen des Freiwilligensurveys elektronisch zu veröffentlichen.

Text: Sophie Leins, Stiftung Bürger für Bürger