USA und Deutschland: Kulturelle Unterschiede in der Freiwilligenarbeit
Der ökonomische Druck in
Deutschland scheint nicht nur das Ehrenamt, sondern auch
diesbezügliche Erfahrungen in den USA in das Blickfeld
zu rücken. Aber wie steht es um kulturelle Differenzen
zu Deutschland? Nach meinem zwölfmonatigen Einsatz als
ehrenamtlicher "Volunteer Coordinator" in den
USA möchte ich durch meine Beobachtungen in der
gebotenen Kürze Aspekte der gegenwärtigen Situation,
historischen und kulturellen Entwicklungen sowie der
strukturellen Unterschiede anreißen. Im folgenden wird
eine freiwillige und unbezahlte Tätigkeit mit vorwiegend
institutionellem Bezug, die in den USA stattfindet, mit
dem Begriff "Volunteering" bezeichnet.
Angesichts kultureller und struktureller Verschiedenheit
wird für den deutschen Sprachraum der Begriff
"Ehrenamt" gewählt. Einen weiteren geschichtlichen Aspekt bilden die ersten Einwanderer, die religiöse Flüchtlinge waren. Sie verankerten das christliche Prinzip der "tätigen Nächstenliebe" als Wert in der "neuen" Gesellschaft, was trotz zunehmender Säkularisierung noch heute maßgeblich Einfluss hat. Kirchliche Gemeinschaften sind noch immer in großem Umfang Träger des Volunteerings. Kulturell gesehen haben sich aufgrund der unterschiedlichen geosoziologischen Situationen in USA und Deutschland sehr unterschiedliche Mentalitäten entwickelt, was sich u.a. am Gebrauch von Ressourcen festmachen lässt. Im Gegensatz zum dichtbesiedelten Europa sind in den USA genügend Ressourcen vorhanden. Nicht zuletzt wird dank der Ressourcen von den "unbegrenzten Möglichkeiten" ausgegangen und einfach etwas Neues versucht. Aus dieser Perspektive besteht kaum Notwendigkeit, zuvor kritische Überlegungen anzustellen. Diese Mentalität halte ich für eine Wurzel des amerikanischen Pragmatismus, der sich im Bereich des Volunteerings beobachten lässt, u. a. an den typischen "How-to..." und "Help I-Dont-Have-Enough-Time-Guides" in vielen Artikeln und Bücherserien, die unter ausgeprägtem Effizienzdruck stark gefragt sind. Dieser kulturelle Unterschied ist beim Transfer möglicher sozialer Modelle - also gerade auch im Bereich der Ehrenamtlichkeit - zu berücksichtigen. Angesichts der globalen Begrenzung der Ressourcen ist eine Einstellung, die einen verhältnismäßig ungezügelten Umgang mit Ressourcen zur Konsequenz hat, zu hinterfragen. In der Struktur der
ehrenamtlichen Arbeit ist ein weiterer Unterschied zu
sehen. Die Struktur und die Tradition des Ehrenamtes wird
in Deutschland vom Volksmund mit dem liebevoll
spöttischen Begriff der "Vereinsmeierei"
umschrieben. Dieses scheint in Amerika aufgegriffen zu
werden, wenn sie eine Ansammlung von drei oder mehr
Deutschen bereits als Volunteer-Organisation betrachten
(McNamara, D.: Center of Philanthropy Readies For
Sectors Global Growth, in: Nonprofit Times, August
1999. www.nptimes.com). Trotz schwindender
Mitgliedszahlen in den Verbänden ist das ehrenamtliche
Engagement in Deutschland häufig über Mitgliedschaft
geregelt. In den USA ist das Trägersystem der einzelnen Institutionen durch weitestgehende "Enthaltsamkeit" des Staates mehr betriebswirtschaftlich geprägt. Zwar kommt der Löwenanteil von Spenden durch Privatpersonen (87,6 %), Stiftungen (7,3%) und erst an dritter Stelle von Firmen (5,1% des Spendenaufkommens; National Society of Fundraising Executives, 1997), aber der strukturelle Einfluss der Wirtschaft ist stark. So werden die meisten Institutionen in Anlehnung an die Wirtschaftswelt von einem "Aufsichtsrat" (Board of Directors) geleitet, der zumeist aus Volunteers zusammengesetzt ist. Auch wenn man sich nationale Größen des Volunteerings, wie z.B. die P. F. Drucker Foundation ansieht, wird hier eine betriebswirtschaftliche Professionalisierung des Volunteerings forciert. Insofern ist es auch verständlich, dass Volunteering häufig als eine Sprosse der Karriereleiter gesehen wird. Aus mancher Volunteerstelle wurde eine Vollzeitstelle. Gerade den weniger privilegierten Schichten wird so die Chance zum sozialen Aufstieg gegeben. Volunteering ist ein integraler Bestandteil sozialer Mobilität und versteht sich z.T. bewusst als Gelegenheit, sich Fähigkeiten und Kenntnisse anzueignen, die für das berufliche Weiterkommen maßgeblich sind. So haben Volunteer-Stellen ihren festen Platz in Bewerbungen. In Fragen der Finanzierung dürfte es m. E. für NPOs und Volunteering letztlich eine untergeordnete Rolle spielen, ob sie von öffentlicher Hand oder Spendengeldern abhängig sind. Jüngere Trends zielen richtigerweise verstärkt auf die wirtschaftliche Unabhängigkeit. Zu beobachtende Trends in Deutschland, weg von öffentlichen Mitteln hin zum freien Spendenmarkt als Heilmittel, sind zu hinterfragen. Ein Erfahrungsaustausch ist unverzichtbar, aber ein Wissenstransfer muss kulturellen Unterschiede berücksichtigen und kann keine Einbahnstraße sein. Ich bin mir sicher, dass eine Kombination mit den Erfahrungen und Traditionen in Deutschland eine Bereicherung für beide Kulturräume sein kann. Das Ehrenamt des Jugendgruppenleiters führte den Autor dieses Berichts Thomas Vierus (32) zu seinem Beruf als Diplom-Theologe. Nach einem zwölfmonatigen ehrenamtlichen Auslandseinsatz in den USA und Beratungstätigkeit für NPO`s ist er jetzt auf der Suche nach einem neuen Tätigkeitsfeld. Kontakt: Tel. 02104-806530, Madrigalon@bigfoot.com. |