Migration und
Integration in Deutschland
Hermann Uihlein,
Beauftragter für Flüchtlings- und Aussiedlerfragen beim
Deutschen Caritasverband, Freiburg i.Br.
Meine sehr verehrten Damen und Herren,
"Migration und Integration in Deutschland" lautet das Thema, zu dem ich zu Ihnen sprechen soll. Erlauben Sie mir zunächst, dass ich das Thema etwas eingrenze. Ich werde nur kurz auf die Migration im Allgemeinen und die der Spätaussiedler im Besonderen eingehen. Die diesbezüglichen Daten, historischen Hintergründe und Motive dürften dem hier versammelten Fachpublikum ausreichend bekannt sein. Ich sehe Migration vielmehr als Folie oder Hintergrund, auf dem sich das vollzieht, was Thema dieser Tagung ist und was uns alle in besonderem Maße bewegt, nämlich wie die Integration von Spätaussiedlern möglichst optimal zu gestalten ist und wie diese selbst und die einheimische Bevölkerung bei diesem Prozess möglichst umfassend einbezogen werden können.
Es ist inzwischen eine Binsenweisheit, dass Integration ein wechselseitiger Prozess ist. Daher erscheint es mir erforderlich, zunächst einen Blick zu werfen auf die Befindlichkeiten der beiden Hauptprotagonisten, nämlich die der Spätaussiedler und die der aufnehmenden Bevölkerung.
Danach will ich der Frage nachgehen, wie die Integration von Spätaussiedlern und Migranten allgemein derzeit erfolgt und welche Rolle und Funktion die Migrationsdienste der Wohlfahrts- und Vertriebenenverbände dabei haben, um von dort weiterzuleiten auf die besondere Rolle der sogenannten Ehrenamtlichen oder Freiwilligen oder ehrenamtlich Engagierten. Ich will trotz aller Bedenken beim Begriff des Ehrenamtlichen bleiben, obwohl mir die Nuancen der verschiedenen Begriffe durchaus bekannt sind. Einen zweiten begrifflichen Hinweis möchte ich geben. Die Konzeption und Koordination der Integration von Zuwanderern soll nach dem Gesetzesentwurf der Bundesregierung beim künftigen Bundesamt für Migration und Flüchtlinge liegen und alle drei Zuwanderergruppen Ausländer, Aussiedler und Flüchtlinge umfassen. Da viele meiner Ausführungen sich auch auf Migranten allgemein übertragen lassen, werde ich von Spätaussiedlern explizit immer dort sprechen, wo nur sie gemeint sind und ansonsten den allgemeinen Begriff Migranten (in der männlichen Form) verwenden.
1. Migration nach Deutschland
In den letzten 10 Jahren, von 1991 bis 2000, gab es eine Migration nach Deutschland in der Größenordnung von ca. 10,5 Mio. Menschen, darunter ca. 8 Mio. Ausländer und ca. 1,7 Mio. Aussiedler. Von diesen 10,55 Mio. Zuwanderern sind etwa 3,4 Mio. Personen geblieben, 7 Mio., also doppelt so viel, haben unser Land wieder verlassen. Derzeit kommen jährlich etwa 800.000 Personen nach Deutschland. Im gleichen Zeitraum verlassen ca. 600.000 Personen Deutschland wieder, was zu einer Nettozuwanderung von derzeit ca. 200.000 Personen führt.
Angesichts dieser jährlichen Wanderungszahlen kann man den politischen Streit um die vorgesehene zusätzliche Zuwanderung von 30 - 50.000 Erwerbspersonen pro Jahr, die ja teilweise auch wieder zurückkehren werden und die zudem überwiegend hoch spezialisiert sein sollen, aus integrationspolitischer Sicht schlicht als völlig überflüssig und deplaziert bezeichnen. Migration gab es und wird es immer geben. Sie wird angesichts immer offener werdender Grenzen im Kontext der allgemeinen Globalisierung weiter zunehmen. Die einzig richtige politische Reaktion kann nur sein, sich rechtzeitig darauf einzustellen und einerseits ein geeignetes Integrationsinstrumentarium bereitzustellen und andererseits alles zu tun, um die Akzeptanz in der Bevölkerung zu stärken.
Nach der großen Zuzugswelle zwischen 1988 und 1996 haben sich die Spätaussiedlerzuzugszahlen seit 1998 um und unter 100.000 Personen pro Jahr eingependelt und es ist in Zukunft mit einem weiteren Rückgang zu rechnen. Es handelt sich dabei um eine Größenordnung, die aus gesellschaftlicher und integrationspolitischer Sicht absolut unproblematisch ist, wenn entsprechende Integrationsinstrumente zur Verfügung stehen.
2. Die Befindlichkeit der Spätaussiedler
Der Auswanderungsdruck wurde von den zu uns kommenden Spätaussiedlern und ihren Angehörigen individuell sehr verschieden erlebt. Er reichte von vertreibungsähnlichen Situationen bis dahin, dass der Auswanderungsdruck aus der eigenen Familie kam und insbesondere Jugendliche sich innerfamiliär gegen die Ausreise sogar zur Wehr gesetzt haben. Entsprechend unterschiedlich ist die innere Bereitschaft ausgeprägt, sich in die neue Heimat integrieren zu wollen.
Deutschland ist den meisten neu zureisenden Aussiedlern nur vom Fernsehen oder kurzfristigen Besuchen bekannt. Auch wenn sie offen waren, dabei auch die Schattenseiten unserer Gesellschaftsordnung wahrzunehmen, so führt das eigene Erleben derselben nicht zwangsläufig, aber doch in vielen Fällen, zu sehr schmerzhaften Erfahrungen. Ich will nur drei zentrale Bereiche nennen:
Mir ist wohl bewusst, dass es auch eine ganze Reihe von Spätaussiedlern gibt, auf die diese Situationen nicht zutreffen oder die mit den auftretenden Schwierigkeiten selbst weitgehend fertig werden. Die Aussiedlung führt nicht zwangsläufig in ein Fiasko; das wäre eine zu negative und falsche Sicht. Die Erfahrung zeigt jedoch, dass der eine oder andere der genannten Problembereiche doch bei der Mehrzahl der Spätaussiedler auftaucht und die Integration in das neue Gemeinwesen zum Teil erheblich beeinflusst.
3. Die Befindlichkeit der aufnehmenden Bevölkerung
Das Stimmungsbild der ansässigen Bevölkerung gegenüber neuen Spätaussiedlern hat sich in den letzten Jahren deutlich gewandelt. Bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion hatten Spätaussiedler den Bonus, als Deutsche dem kommunistischen Machtbereich entronnen zu sein. Ihnen wurde in der Regel mit Verständnis und zum Teil auch Respekt gegenüber dem erlittenen Unrecht begegnet. Die Stimmung schlug Anfang der 90iger Jahre deutlich um. Dies hatte mehrere Gründe. Zum einen lag es an der hohen Zahl der zureisenden Spätaussiedler (1990 fast 400.000), die zudem noch zusammenfiel mit einem bis dahin nicht erlebten Zustrom von Asylbewerbern (1992: 438.000). Zum anderen nahmen um diese Zeit die Deutschkenntnisse der Spätaussiedler deutlich ab. Sie wurden - zusammen mit den Asylbewerbern - als Ausländer wahrgenommen.
Einen noch größeren Einfluss auf die Stimmungslage hatte m.E. aber die veränderte politische Situation. Für viele Einheimische war der Grund zur Ausreise einerseits und damit zur Aufnahmeverpflichtung andererseits entfallen. Die Sowjetunion als das "Reich des Bösen" bestand nicht mehr, die Spätaussiedler könnten also ungestört dort bleiben, wo sie bisher wohnten, so eine weit verbreitete Auffassung. Genährt wurde diese Stimmung durch stetig steigende Arbeitslosenzahlen in Deutschland.
Zudem veränderte sich die Zusammensetzung innerhalb der Spätaussiedler. Die Zahl der mit ausreisenden nichtdeutschen Familienangehörigen nahm stetig zu, die Deutschkenntnisse entsprechend ab. Kurzum: Spätaussiedler wurden immer weniger als deutsche Volkszugehörige empfunden, die aufzunehmen man sich verpflichtet sah.
Vielleicht erscheint dem Einen oder Anderen diese Sicht überzeichnet. Sie trifft vor allem immer dann nicht zu, wenn Spätaussiedler ein durchaus dialektgeprägtes, aber verständliches Deutsch sprechen. Auch habe ich den Eindruck, dass die Akzeptanz gegenüber Spätaussiedlern immer noch stärker ausgeprägt ist als gegenüber ausländischen Migranten. Zweifellos ist aber die große Sympathie gegenüber Spätaussiedlern in den 70iger und 80iger Jahren, als man deren Freikauf mit erheblichen Summen betrieb und dies sogar politisch als Erfolg vermarkten konnte, endgültig vorbei.
4. Rolle und Funktion der Migrationsdienste bei der Integration von Spätaussiedlern
Die Integration von Spätaussiedlern und von Migranten allgemein ist eine vielschichtiger Prozess, der alle Lebensbereiche umfasst und nicht auf Spracherwerb reduziert werden darf. Es handelt sich dabei um einen längerfristigen Prozess, der sich zwischen Migranten einerseits und aufnehmender Gesellschaft andererseits vollzieht. Dieser Prozess bedarf der Unterstützung durch staatliche Stellen, gesellschaftliche Gruppen und durch die Medien.
Die Verbände der Freien Wohlfahrtspflege, die Vertriebenenverbände, die Otto-Benecke-Stiftung und viele andere Organisationen, Verbände und Institutionen haben in der Vergangenheit diesen Prozess mit einer Vielzahl von Beratungsstellen, haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitern und Maßnahmen maßgeblich mitgestaltet. Diese Migrationsdienste, wie ich sie im folgenden pauschal bezeichnen und in die ich ausdrücklich die große Zahl der Jugendgemeinschaftswerke einbeziehen möchte, gehen von einer ganzheitlichen Betrachtung der Lebenslagen und Probleme der Zuwanderer aus und versuchen, hierauf positiv Einfluss zu nehmen.
Bei aller Unterschiedlichkeit der Dienste und Angebote kann man von vier zentralen Leistungen sprechen, die mehr oder weniger von allen Migrationsdiensten erbracht werden, nämlich die Einzelfallberatung und Einzelfallhilfe, die Gruppenarbeit, die Vernetzung mit anderen sozialen Diensten und Leistungen und die gemeinwesenorientierte Arbeit. Diese vier zentralen Leistungsbereiche gelten auch für die Arbeit der ehrenamtlich Tätigen, weshalb ich, wenn auch kurz, einen näheren Blick auf sie werfen möchte.
4.1. Die Einzelfallberatung und Einzelfallhilfe
So wichtig Gruppenarbeit, Vernetzungsarbeit und Gemeinwesenorientierung auch sind: die persönliche Beratung und Hilfe wird immer unverzichtbar sein. Ihre gemeinsame Ursache sind häufig Formen struktureller, institutioneller und privater Diskriminierung. Durch die Erschwerung oder Verweigerung von Rechten und Zugangschancen kommt es etwa zu unzureichendem Einkommen, schlechterem Zugang zum Arbeitsmarkt, höherem Arbeitslosenrisiko, fehlenden oder schlechten Bildungsabschlüssen, geringeren Chancen auf Ausbildungsplätze, mangelnde soziale Beziehungen außerhalb der eigenen ethnischen Gruppe. Benachteiligungen stehen damit in engem Zusammenhang mit Armutsrisiken als unmittelbaren Beratungsanlässen. Ein weites Feld der Beratungstätigkeit umfasst die Vielzahl rechtlicher Aspekte, insbesondere Fragen des Status, der Einbürgerung und der Familienzusammenführung. Daneben spielen schulische und berufliche Integrationshilfen eine zentrale Rolle. Nicht zu unterschätzen sind auch die im Kontext der Migration auftretenden familiären Belastungen, die zu Partnerschaftsproblemen führen und nicht selten mit erheblichem Zeitaufwand in der Beratung verbunden sind. Auch die verschiedenen Formen von Suchtproblemen sowie Überschuldung erfordern eine individuelle Beratung.
Zusammenfassend kann man als Ziele der Einzelfallberatung und -hilfe nennen:
4.2 Gruppenangebote
Im Vordergrund von Gruppenangeboten steht die Informationsvermittlung zu migrations- und integrationsnotwendigen Aspekten. Daneben haben sie eine besondere Bedeutung bei der Schaffung von Kontakten und damit zur Vermeidung bzw. Überwindung von Isolation.
Zu den wesentlichen Zielen von Gruppenangeboten gehören:
4.3 Vernetzung
Die Vernetzungsarbeit ist ein relativ neues Arbeitsfeld der Sozialarbeit. Es geht dabei darum, die eigenen Bemühungen und Leistungen mit denen anderer Akteure in der Kinder, Jugend- und Sozialhilfe zu vernetzen. In enger Zusammenarbeit mit staatlichen und gesellschaftlichen Strukturen und Gruppen und unter Einbezug der dort ehrenamtlich Tätigen sollen neue abgestimmte Konzeptionen und Arbeitsformen entwickelt sowie methodische, organisatorische und personelle Lösungen gefunden werden.
Vernetzung ist mehr als nur Koordination und Kooperation. Es geht dabei um gemeinsame Zielformulierungen, zu deren Erreichung bisherige Zuständigkeiten in Frage gestellt und bisherige Aufgaben und Angebote zugunsten des gemeinsamen Zieles gegebenenfalls neu aufgeteilt werden. Dieser Prozess ist nicht einfach und vielerorts mit Ängsten und Widerständen besetzt. Er erfordert eine hohe Flexibilität und viel gegenseitiges Vertrauen.
Ziele der Vernetzungsarbeit sind somit:
4.4 Gemeinwesenorientierte Arbeit
Im Rahmen gemeinwesenorientierter Arbeit sollen die Selbsthilfepotentiale der gesamten Wohnbevölkerung, also Einheimische und Migranten, aktiviert und erschlossen werden. Insbesondere in Sozialräumen mit hohem Migrantenanteil an der Wohnbevölkerung ist eine systematische und konsequente gemeinwesenorientierte Arbeit vonnöten. Gemeinwesenorientierte Arbeit darf nicht erst dann einsetzen, wenn die Probleme eines Stadtteils oder Gemeinwesens bereits für alle augenfällig geworden sind. Vielmehr kommt ihr eine besonders wichtige präventive Wirkung zu.
Zu den Zielen gemeinwesenorientierter Arbeit gehören:
In Sozialräumen mit hohem Migrantenanteil kommen hinzu:
Als ein besonders effektives Mittel zur Aktivierung der Bevölkerung hat sich die aktivierende Bewohnerbefragung erwiesen. Dabei werden Problembereiche benannt und Verbesserungsmöglichkeiten aufgezeigt. Gleichzeitig wird erfragt, welchen Beitrag die Befragten zur Erreichung der Verbesserungen zu leisten bereit sind.
5. Die besondere Rolle der Ehrenamtlichen im Integrationsprozess
5.1 "Was ich tue, ich unersetzbar"
Im Rahmen des Internationalen Jahres der Freiwilligen wurden wir in diesem Jahr in ganz Deutschland mit großflächigen Plakaten mit der Aufschrift konfrontiert: "Was ich kann, ist unbezahlbar". Wenn ich jetzt auf die besondere Rolle und Funktion der Ehrenamtlichen beim Integrationsprozess von und mit Migranten eingehe, möchte ich diesen Slogan gern abwandeln in: "Was ich tue, ist unersetzbar". Und ich will das begründen.
Ehrenamtlich Tätige, Einheimische wie Migranten, haben beim Integrationsprozess von Neuzuwandernden eine von Hauptamtlichen nicht wahrnehmbare eigenständige Funktion. Hauptamtliche werden in der Regel als Funktionäre wahrgenommen, die eine Aufgabe verrichten, für die sie bezahlt werden. Ehrenamtliche stehen auf einer anderen Ebene. Durch ihr Tätigwerden bezeugen und verwirklichen sie die Annahme der Migranten durch die einheimische Bevölkerung. Sie helfen mit, das Fremdsein abzubauen, das sich als eine der stärksten Belastungen der Migranten auswirkt. Fremdsein ist das Fehlen von Freunden und vertrauten Menschen. Ehrenamtliche helfen, dieses Fremdsein abzubauen. Durch die persönliche Kontaktaufnahme erleben die Neuankommenden Angenommensein und menschliche Zuneigung.
Ehrenamtliche sind deshalb besonders glaubwürdig, weil sich ihre Aktivitäten vielerorts gleichermaßen auf persönliche Zuwendung und Unterstützung wie auf die engagierte Anwaltschaft für die Migranten richten, wenn es um strukturelle Problemstellungen geht. Ihr Einsatz ist tragendes Element jeglicher Integrationsarbeit, bei der es gilt, persönliches und gesellschaftliches Begegnen zu fördern, um im Zuge des gegenseitigen Kennenlernens Solidarität zu wecken und ein Klima der Akzeptanz entstehen zu lassen. Dabei ist es zunächst unerheblich, ob es sich bei den Ehrenamtlichen um Einheimische oder um ehemalige Migranten handelt. Was Ehrenamtliche im Migrationsbereich tun, ist in der Tat unersetzbar.
Viel zu wenig kommen bisher die spezifischen Qualifikationen von Migranten zum Einsatz. Am offensichtlichsten ist die zusätzliche Sprachkompetenz, die jeder Migrant und jede Migrantin mitbringt. Dabei wird ihre Sprachkompetenz nicht nur zum Dolmetschen benötigt. Sie sind vielmehr Mittler zwischen den Kulturen und können dadurch meist auf einem Vertrauensvorschuss aufbauen. Aber auch im sozialen Bereich bringen sie neue Impulse, da sie uns mit ganz anderen Ansätzen und Haltungen in der Freiwilligenarbeit konfrontieren. Ohne die Impulse von außen gäbe es in Deutschland wahrscheinlich noch keine Freiwilligenzentren und Basisausbildungskurse für Ehrenamtliche. Und nicht zu vergessen all das, was Migranten im Kultur- und Freizeitbereich an Musik, Esskultur und sonstigen Fähigkeiten mitbringen. Es wird höchste Zeit, diese buchstäblich auf der Straße liegenden Qualitäten für die Integrationsarbeit zu nutzen.
5.2 Ehrenamtlichenarbeit braucht eine Programmatik
Das "klassische" Ehrenamt war ursprünglich ein einflussreiches Amt, das Personen auf der Basis ihres Berufs oder ihrer gesellschaftlichen Stellung angetragen wurde, um deren Prestige und Einfluss für einen Verband oder eine Organisation nutzbar zu machen. Eine andere Form war die der Helfertätigkeit in sozial-caritativen Bereichen, wo vor allem Frauen tätig waren. Merkmale waren vor allem Freiwilligkeit, Uneigennützigkeit, Laientätigkeit, Unentgeltlichkeit und eine langfristige Einbindung in eine Organisation.
Auch heute gibt es noch dieses Ehrenamt, sowohl in der leitenden als auch in der dienenden Variante. Doch das Ehrenamt befindet sich in einem Wandel, das heute eher mit Freiwilligenarbeit oder bürgerschaftlichem Engagement umschrieben wird und nur noch teilweise die Attribute des bisherigen Ehrenamtes trägt.
Am stärksten ausgeprägt ist noch das Attribut der Freiwilligkeit. Bei der Uneigennützigkeit scheint man heute etwas ehrlicher zu sein als früher, Laientätigkeit wird immer mehr durch den Einsatz beruflicher Qualitäten ersetzt, die Zahlung von Aufwandsentschädigungen ist nichts ungewöhnliches mehr und über die langfristige Einbindung in eine Organisation entscheidet der oder die Ehrenamtliche selbst. Dieser Wandel im Ehrenamtsverständnis heißt konkret:
Ehrenamtliche wollen sich in erster Linie für eine Sache oder für Personen einsetzen, nicht aber für die Verwirklichung der Ziele einer Organisation. Sie wollen Ihre Interessen und Fähigkeiten optimal einsetzen und nicht von Hauptamtlichen als Lückenbüßer, Springer und "Hiwis" eingesetzt werden. Sie wollen Menschen helfen, nicht Organisationen. Das heißt auch, dass Hauptamtliche nicht Chefs von Ehrenamtlichen, sondern Koordinatoren der Arbeit und gleichwertige Partner sind.
Dieses neue Ehrenamt braucht eine neue Programmatik, d.h.
Es sei mir noch ein kurzer Blick erlaubt auf das nicht selten festzustellende Spannungsverhältnis zwischen Haupt- und Ehrenamtlichen, das vor allem dann auftritt, wenn Rollen nicht geklärt sind und es an der erforderlichen Einarbeitung und Begleitung der Ehrenamtlichen mangelte.
Hauptamtliche werfen beispielsweise nicht selten den Ehrenamtlichen mangelnde Distanz vor, wobei Ehrenamtliche gern bei Hauptamtlichen zuviel Distanz festzustellen glauben. Das ist nicht verwunderlich, leisten sie ihren Dienst doch unter unterschiedlichen emotionalen Voraussetzungen. Hauptamtliche müssen eben bei einem Ganztagsjob andere psychologische Schutzwälle aufbauen als bei eher gelegentlichen Treffs. Die unterschiedliche Herangehensweise ist auch gar nicht schlimm, sie kann im Gegensatz sogar zu einer fruchtbaren Ergänzung führen - wenn sie im Mitarbeitergespräch offen angesprochen und bearbeitet wird.
Ein weiteres Problemfeld ist die Respektierung des Selbstbestimmungsrechtes der Migranten und das Prinzip der Hilfe zur Selbsthilfe. Die Erfahrung zeigt, dass beim Umgang mit Menschen anderer Kulturkreise die Verwirklichung dieses Grundsatzes oft mit spezifischen Schwierigkeiten verbunden ist. Nicht selten wird der von großem Idealismus und großer Hilfsbereitschaft getragene Einsatz nach kurzer Zeit wegen Selbstüberforderung und mangelndem Wissen um kulturelle Zusammenhänge enttäuscht. Um eine Fehleinschätzung sowohl der eigenen Möglichkeiten als auch der realen Bedürfnislage der Flüchtlinge zu vermeiden, ist eine Begleitung der ehrenamtlichen Mitarbeiter von Anfang an notwendig.
Es gibt noch weitere Problemfelder zwischen Haupt- und Ehrenamtlichen, wie Fragen der Mitbestimmung, der Über- Unterordnung, der Selbstverpflichtung, der ideologischen Loyalität und des Rollenverständnisses. Darauf kann ich hier nicht näher eingehen. Wichtig ist mir festzustellen, dass diese traditionellen Vorbehalte zwischen Haupt- und Ehrenamtlichen nicht in die neue Programmatik passen. Wenn es gelingt, die je eigenen Rollen von Haupt- und Ehrenamtlichen im gemeinsamen Gespräch zu klären, dürfte die Basis für ein konstruktives Zusammenarbeiten gelegt sein. Wichtig ist in jedem Fall die qualifizierte Begleitung der Ehrenamtlichen, um Überforderungen und Enttäuschungen vorzubeugen.
Vor allem für die Hauptamtlichen in der Migrationsarbeit erfordert dieser Wandel eine neue Einstellung den Ehrenamtlichen gegenüber. Das beginnt bereits bei der Sprache. "Helferkreise" sollten der Vergangenheit angehören zugunsten von "Mitarbeitertreffen". Eine Schulung in interkultureller Kompetenz, d.h. dem Vertrautmachen mit Spezifikas der Arbeit mit Migranten, ist ebenso obligatorisch wie eine professionelle Begleitung. Die Verzahnung hauptamtlicher und ehrenamtlicher Arbeit wird dringlicher. Stehen beispielsweise Ehrenamtliche mit der Qualifikation von Bankfachleuten zur Verfügung, können diese viel kompetenter bei Überschuldungsfragen beraten als der Allround-Sozialarbeiter. Das gleiche gilt für andere Fachkompetenzen. Der Hauptamtliche ist künftig nicht mehr der Allround-Fachmann. Er ist Teil eines Teams, in dem Ehrenamtliche mit Fachqualifikationen gleichberechtigt eingebunden sind und so Ratsuchenden eine optimale Hilfeleistung gewährt werden kann. Aufgrund der Beratungsbedarfe kann dann gezielt nach entsprechenden ehrenamtlichen Fachkräften gesucht werden.
Gut bewährt haben sich die sogenannten "Freiwilligenzentren". Sie verstehen sich als
Auf Initiative des Freiwilligenzentrums in Esslingen kamen beispielsweise 32 sogenannte "Sprachentandems" zustande, bei denen, jeweils im Zweierpack, einer nicht nur des anderen Sprache lernen kann, sondern automatisch in Kontakt mit anderen Menschen kommt. Ein Blick über unsere nationalen Grenzen mag uns den Einstieg erleichtern. In England, Schottland, Belgien, den Niederlanden, Italien und der Schweiz können wir diesbezüglich auf langjährige Erfahrungen zurückgreifen.
Hinweisen möchte ich bei dieser Gelegenheit noch auf den "Basiskurs Sozialcourage: Mit-Leidenschaft und Kompetenz" der Katholischen Fachhochschule Freiburg. In Zusammenarbeit mit den örtlichen Caritasverbänden erhalten interessierte Studenten und junge Erwachsene dort in einem Pilotprojekt eine qualifizierte Schulung für ehrenamtliches Engagement.
5.3 Empowerment und Partizipation
Abraham Lincoln wird der Satz zugeschrieben: "Man hilft den Menschen nicht, wenn man für sie tut, was sie selbst tun können": Das gilt gleichermaßen für Individuen wie für Gemeinwesen oder Organisationen.
Unter dem Begriff Empowerment werden Entwicklungsprozesse zusammengefasst, "in deren Verlauf Menschen die Kraft gewinnen, der sie bedürfen, um ein nach eigenen Maßstäben 'besseres Leben' zu leben". Es geht darum, Menschen zur Entdeckung ihrer eigenen Stärken zu ermutigen und ihre Fähigkeiten zur Selbstbestimmung und Selbstveränderung zu stärken. Empowerment ist eine klare Absage an den Defizitansatz traditioneller Sozialarbeit. Bezogen auf Ehrenamtlichenarbeit im Kontext von Integration bedeutet Empowerment beispielsweise, nicht gegen Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus zu kämpfen, sondern die kulturellen, kommunikativen und kreativen Kompetenzen der Zuwanderer zum Einsatz und damit ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu bringen. Ich will hierfür 2 Beispiele aufzeigen:
In Hauenhorst, einem Stadtteil von Rheine, fühlt sich die unmittelbare Nachbarschaft durch die große städtische Container-Wohnanlage beeinträchtigt. In der angespannten Stimmung treffen sich einige Nachbarinnen, die der Meinung waren, dass hier nicht Empörung und Beschuldigungen, sondern nur Toleranz und Verständnis weiterhelfen können. Sie gingen in die Container und nahmen Kontakt zu den Bewohnerinnen auf. Schnell kam es zu Gesprächen über Herkunft, Sprache, Kinder, ihre Pläne und Probleme. Die Nachbarinnen wurden an einen gedeckten Tisch geladen, auf dem die Aussiedlerinnen ihre typischen Gerichte präsentierten.
Aus dem ersten Essen wurde eine Reihe gegenseitiger Einladungen, bei denen neben der Suche nach Lösungen von konkreten Problemlagen immer auch ein gemeinsames Essen auf der Tagesordnung stand. Vom hauptamtlichen Begleiter kam irgendwann der Vorschlag, die gemeinsamen Erfahrungen und Erlebnisse und vor allem die Rezepte der Gerichte in einem Kochbuch festzuhalten, das am vergangenen Freitag der Öffentlichkeit vorgestellt werden konnte. Dazwischen liegen 3 Jahre intensiver Arbeit an einem gemeinsamen Projekt. Was aber war das Projekt? Als Ergebnis liegt ein Buch vor. Wichtiger aber war der Prozess des Zusammenfindens, der viele gegenseitige Vorurteile abgebaut hat. Dieser Prozess soll durch das Buch großflächig ausgeweitet werden, da es sich nicht nur um ein Kochbuch handelt, sondern dieses angereichert ist mit Geschichten, Anekdoten und Sprachweisheiten von Aussiedlern und Einheimischen. Menschen haben hier ihre Eigenkräfte genutzt, sich selbst gestärkt und dazu beigetragen, dass Vorurteile auch bei anderen abgebaut werden können.
Ein zweites Beispiel:
Das Kultur- und Kommunikationszentrum (KuK) in Mayen entstand als Folgeprojekt des Abends "Wir für Euch", ein Abend, an dem Migrantinnen aus der ehemaligen UdSSR die einheimische Bevölkerung mit "schwarzem Theater" unterhielten und ihr selbstverfasstes Buch zum "Frauenalltag in der ehemaligen UdSSR" im Rahmen einer Autorinnenlesung öffentlich vorstellten.
Der Erfolg dieses Abends ermutigte die beteiligten Akteure, einen Ort der Begegnung zwischen Einheimischen und Migranten zu schaffen: Das Kultur- und Kommunikationszentrum wurde im Mai 1998 gegründet. Es wird zum größten Teil über das Bundesministerium des Innern als gemeinwesenorientiertes Projekt finanziell gefördert und wird getragen vom ehrenamtlichen Engagement der Gruppe der Migranten. Vorhandene Ressourcen werden so genutzt und umgesetzt. Das Zentrum möchte durch eine Verbindung von Empowerment-Ansatz, Lebensraum- und Gemeindeorientierung, Kulturpädagogik und geschlechtsspezifischer Arbeitsweise das Modell einer sozialen Arbeit mit Migranten schaffen, das versucht, Migranten aus einem anderen Blickwinkel als allein unter dem der Belastung für das Gemeinwesen und sein soziales System erscheinen zu lassen - nämlich unter dem der Bereicherung. Es belegt außerdem in seiner Entstehungsgeschichte und alltäglichen Arbeit die besondere Rolle der Frauen als Förderer eines gesamtgesellschaftlichen Integrationsprozesses.
Die Aktivitäten des Kultur- und Kommunikationszentrums sind durch das Zusammenwirken von haupt- und ehrenamtlichen Kräften gekennzeichnet. Während der Caritasverband mit seinem Sozialdienst für Aussiedler in Zusammenarbeit mit seinem Fachverband IN VIA primär Organisations- und Koordinationsaufgaben übernimmt sowie die fachliche Begleitung der im Zentrum aktiven Honorarkräfte und ehrenamtlichen Mitarbeitern und Migrantinnen gewährleistet, werden zahlreiche Kulturveranstaltungen und Kursangebote von ehrenamtlich tätigen Mitgranten oder Migrantinnen übernommen.
Eine im Herkunftsland als Lehrerin tätige Migrantin, eine in ihrem Herkunftsland als Logopädin und Heilpädagogin tätige Migrantin, ein in seinem Herkunftsland bekannter Maler und Bildhauer, sie alle sind im Zentrum als Kursleiter oder Kursleiterinnen tätig. Vorhandene Ressourcen werden genutzt und umgesetzt. Des Weiteren finden regelmäßige Treffen statt, die von den ehrenamtlichen Akteuren des Zentrums selbständig organisiert und geleitet werden. Die Frauen des aus den Orientierungskursen hervorgegangenen Frauengesprächskreises übernehmen im Zusammenwirken mit den hauptamtlichen Kräften des Caritasverbandes regelmäßig die Planung und Durchführung besonderer Kulturveranstaltungen.
6. Schlussbemerkungen
Ich komme zum Schluss und fasse zusammen: Die Integration von Migranten ist ein gegenseitiger Prozess, bei dem das Engagement von ehrenamtlich Tätigen unverzichtbar und wesentlich ist. Dabei müssen die Befindlichkeiten beider Seiten, der Zuwanderer wie der Einheimischen, Beachtung finden. Einzelberatung, Gruppenarbeit, Vernetzungsarbeit und Gemeinwesenorientierung sind zentrale Leistungsmerkmale der professionellen Migrationsdienste. Bei allen diesen Bereichen müssen ehrenamtlich Tätige - Einheimische wie Migranten - als gleichwertige Partner einbezogen werden. Während einheimische Ehrenamtliche durch ihre Tätigkeit die Annahme der zu uns kommenden bezeugen, bilden Ehrenamtliche, die selbst Migranten waren, sogenannte "Brückenköpfe" oder Mittler zwischen den Kulturen. Was sie tun, ist unersetzbar. Das Wecken und die Stärkung von Selbstkräften bei Einheimischen und Migranten sind zentrale Bestandteile der Ehrenamtlichenarbeit. Aufgabe der Politik ist es, die Rahmenbedingungen ehrenamtlicher Arbeit so zu gestalten, dass sie diese nicht behindern, sondern fördern.