Ehrenamtlichkeit im Sport bei der Integration von Aussiedlern
Manfred Wille, Vorsitzender des Christlichen Vereins Junger Menschen Wolfsburg und Mitglied im Vorstand der Wolfsburger Sportjugend.

Guten Tag,

ich selbst bin Flüchtlingskind und stamme aus Herzberg/Elster und bin kurz vor dem Mauerbau 1961 über Westberlin nach Wolfsburg geflüchtet.

Der CVJM Wolfsburg besteht seit fast 50 Jahren, seit etwa 30 Jahren führen wir Sozialsport durch. Seit 1976 sind wir über den Stadtsportbund Wolfsburg Mitglied im Landessportbund Niedersachsen. Seit 1976 besitzen wir ein 5000 qm großes Freizeitgelände mit einem kleinen Häuschen.

1972 haben wir mit Sport im Gefängnis begonnen. Weiter haben wir sportlich mit Konfirmanden gearbeitet, mit Drogenabhängigen, mit Menschen, die unserer besonderen Berücksichtigung bedürfen.

Seit Ende der 70iger Jahre arbeiten wir verstärkt mit Aussiedlern/Spätaussiedlern (Deutschen aus Ostblockstaaten). Von Beginn an haben wir versucht, den organisierten Sport auf diese Zielgruppe aufmerksam zu machen. Dies geschah und geschieht auf kommunaler, niedersächsischer und bundesdeutscher Ebene. Wir werben natürlich auch im kirchlichen und Jugendbereich für den organisierten Sport.

Wir waren in der Arbeitsgruppe des LSB, die 1988 in Niedersachsen Konzepte für Aussiedlersport erarbeitet hat, wir waren 1989 beim Hearing des Bundesinnenministeriums/Deutscher Sportbund über "Sport mit Spätaussiedlern" in Frankfurt/Main. 1991 sind wir beim ersten Wettbewerb der Bundesregierung "Vorbildliche Integration von Spätaussiedlern" mit einer Goldplakette ausgezeichnet worden. 1990 hat uns der damalige Präsident des Internationalen Olympischen Kommitees, Juan Antonio Samaranch, in Lausanne empfangen.

Auch jetzt arbeiten wir aktiv im Projekt des Landessportbund Niedersachsen (LSB) "Sport für alle" (neu: "Integration durch Sport") mit, ich selbst bin Starthelfer beim LSB.

Herzlichen Dank an dieser Stelle schon für die Unterstützung des LSB, des Stadtsportbundes, der Sportjugend, der Kirchen, Diakonie, Caritas, Arbeiterwohlfahrt, Rotes Kreuz, Sprachkursen, Stadt Wolfsburg (Sportamt, Jugendamt, Sozialamt), CVJM Gruppen im In- und Ausland, Christliches Jugenddorf, Justizvollzugsanstalt Wolfenbüttel, Jugendanstalt Hameln, Landsmannschaften, Stadtjugendring, Sportdienst des Volkswagenwerkes, Redaktionen von Zeitungen und Zeitschriften und viele mehr.

Aus den Aufzählungen sehen Sie, dass in unserer Arbeit die Vernetzung/Zusammenarbeit groß geschrieben wird. Zusammenarbeit mit den oben genannten Gruppen. Aber auch mit den Vereinen vor Ort, z. B. mit dem Volleyballkreis Gifhorn/Wolfsburg. Wir nehmen an den Punktspielrunden teil, an Turnieren im Kreis. Wir vermitteln auch Aussiedler an Vereine. Wir versuchen nicht, alle Aussiedler zu uns zu ziehen. Wohnt ein sportbegeisterter Aussiedler weit weg, vermitteln wir ihn an Vereine, die vor Ort sind. Wir vermitteln Aussiedler aber auch an Freizeitheime, Kleingartenvereine usw.

Falls Vereine und Gruppen Probleme (Beiträge, Verhalten in der Sporthalle, Zuverlässigkeit/Verbindlichkeit, Sprache etc.) haben, versuchen wir die Verantwortlichen zu unterstützen und auch mit Aussiedlern zu sprechen.

Als CVJM/YMCA legen wir natürlich großen Wert auf internationale Kontakte. Wir haben Zeltlager in Jugoslawien, Slowenien und Frankreich durchgeführt, Fahrten nach Stockholm, Madrid, Odense, Leningrad (jetzt St. Petersburg) gemacht. 1989 haben wir am CVJM-Euromeet Festival in Tampere/Finnland teilgenommen, 1992 bei den CVJM Europameisterschaften im Volleyball in den Niederlanden und 1995 in Ikast/Dänemark. In Wolfsburg hatten wir 1979 eine Gruppe aus der damaligen Sowjetunion und 1988 eine sowjetische Fangruppe der Fußball-Europameisterschaft.

Außerdem waren in Wolfsburg schon Spanier, Slowenen, Schweden, Dänen, US-Amerikaner. Wir führen auch jährlich eine Fahrradsponsorenrallye für Straßenkinder in Südamerika, Afrika und Indien durch, und bei unseren Freizeitsportturnieren sammeln wir für die diakonische Arbeit einer Schule in Madrid.

Um auf Aussiedler aufmerksam zu machen und Aussiedler auf den organisierten Sport hinzuweisen, führen wir eine ausgeprägte Öffentlichkeitsarbeit durch. Wir arbeiten sehr gut mit der örtlichen Presse zusammen, mit Zeitschriften, im Fernsehen und Radio waren wir auch schon. Das Sporttrikot, das Sie hier sehen, benutzen wir bei unseren Punktspielen. Wir haben noch andere Trikots, z. B. "Aussiedler und Einheimische sind ein Team" oder mit "Jesus Christus am Ball". Wir laden zu unseren Aktionen auch Politiker und andere Funktionäre ein, z. B. wenn wir ins Gefängnis fahren, zur Fahrradsponsorenrallye, zu Festen. Bei einem Volleyballturnier spielen wir um den Oberbürgermeister-Pokal, bei einem anderen um den Diakonie-Pokal. Wir haben schon mehrfach Deutsche CVJM Meisterschaften im Tischtennis und im Volleyball ausgerichtet. Sprachkurse, kirchliche Gruppen, Landsmannschaften. Wir sehen Aussiedler nicht nur als Nehmende sondern auch als Gebende, Herr Welt!

Dies geschieht bei uns als Schiedsrichter, Übungsleiter, als Mitorganisatoren. Bei der Pflege unseres Freizeitgeländes halfen Aussiedler mit. Der stellvertretende Vorsitzende im CVJM Wolfsburg ist ein Russlanddeutscher.

Seit einigen Jahren führen wir eine Fahrradsponsorenrallye durch. Die Teilnehmer suchen Sponsoren, die sie pro gefahrenem Kilometer bezahlen. Wir verbinden sportliche Bewegung mit sozialem Engagement. In Wolfsburg haben wir dabei eine Vorreiterrolle. Bei der Rallye wird auch in der Öffentlichkeit deutlich, dass Aussiedler mehr Bestandteil unserer Gesellschaft werden. Dieses Jahr sind 9000 Mark erradelt worden. Freundlicherweise hat der Aussiedlerbeauftragte der Bundesregierung, Herr Jochen Welt, ein Grußwort zur diesjährigen Rallye geschrieben. In den letzten sieben Jahren haben wir fast 60.000 Mark gesammelt und weitergespendet.

Auch bei unseren Sportturnieren sind Aussiedler Gebende. Wir beginnen mit einer Sportandacht, während der Mittagspause trinken wir gemeinsam Kaffee (Kuchen ist Startgebühr), und wir sammeln für die diakonische Arbeit einer Schule in Madrid. Natürlich gibt es auch einen Sieger. Bibelwort.

Wir bieten Nicht-Schwimmerkurse für Frauen an, bei denen Aussiedlerinnen die Funktion der "Managerinnen" übernommen haben, d. h. sie halten die Gruppen zusammen, organisieren Feste etc.

Das Sportmobil des Landessportbundes Niedersachsen bauen wir auf Stadtteilfesten, bei Sommerfesten, bei Gemeindefesten oder einfach an der Straßenecke auf. Bei der Organisation helfen uns meistens auch jungendliche Aussiedler.

Jährlich fahren wir vier- bis fünfmal in die Justizvollzugsanstalt Wolfenbüttel. Wir spielen Tischtennis und Volleyball im Gefängnis. Über Kaffee und Kuchen kommen wir gut mit den Einsitzenden ins Gespräch. Wir übersehen aber auch nicht die Situation der Opfer. Ein Gesichtspunkt für uns ist natürlich, dass (junge) Teilnehmer, die Kontakt mit der Polizei haben, ihre mögliche Zukunft hautnah erleben können, d. h. wir nehmen auch straffällig gewordene Jugendliche mit.

Auch sonst versuchen wir in unserer Arbeit zu vermitteln, dass wir von Aussiedlern etwas lernen können, z. B. Familientraditionen, Gastfreundschaft, religiöse Gesichtspunkte.

Aussiedlerjugendliche sind im März 2001 vom Lionsklub Wolfsburg für ihren vorbildlichen Einsatz für andere Menschen mit dem Helferpreis ausgezeichnet worden.

Unsere Aktion heißt "Aussiedlerinnen und Einheimische". Für uns spielen zwischenmenschliche Kontakte eine wichtige Rolle. Wir feiern gemeinsam Geburtstag, fahren weg, besuchen uns in Gottesdiensten, wir organisieren z. B. Gemeindefeste für die evangelischen Mennoniten mit. (Punktspiele – nähere Umgebung)

1990 haben wir im Rahmen der deutschen Wiedervereinigung eine Paddeltour über 300 Kilometer von der Oder zur Elbe mit 50 Jugendlichen aus Havelberg, aus Sulingen und Russlanddeutsche aus Wolfsburg unter dem Motto "Wir sitzen im selben Boot – in Ost und West" durchgeführt. Wir haben 300 Unterschriften gesammelt: Willy Brandt, Helmut Kohl, Helmut Schmidt, Max Schmeling, Täve Schur, Vraclav Havel, Emil Zatopek, Phil Collins, Sophia Loren, Steffi Graf, Uwe Seeler, Fritz Walter, Hans-Dietrich Genscher etc., ingesamt 300 Promis.

Natürlich gibt es Probleme.

Die Vorteile des Sports sind m. E. bekannt.

Das Thema dieser Fachtagung heißt "Integration und bürgerschaftliches Engagement bei Spätaussiedlern – Die Bedeutung ehrenamtlicher Tätigkeit".

Ohne Ehrenamtliche, ohne Nachbarn, ohne Vereinsmitglieder, ohne Schulkameraden, ohne einheimische Freunde, ohne Aufnahme in kirchliche Gruppen wird die Integration von Aussiedlern kaum gelingen bzw. sehr erschwert werden. Die Ehrenamtlichkeit wird m. E. immer wichtiger. Hier müssen Verantwortliche, z. B. Politiker, Wirtschaftschefs aufpassen, dass die Unterstützung von Ehrenamtlichen so bleibt bzw. noch stärker ausgebaut wird. Ich kann nur hoffen, dass die ehrenamtliche Komponente nicht nach dem Jahr des Ehrenamtes in Vergessenheit gerät.

Aus der Sicht eines Ehrenamtlichen möchte ich betonen, das ich die Arbeit mit und für andere Menschen nicht als Last empfinde. Ich sehe darin vielmehr eine Chance, mein Leben vielfältiger zu gestalten. Ich habe Menschen und Dinge kennen gelernt, die ich so nicht kennen gelernt haben würde.

Wie ich schon vorhin ausgeführt habe, bin ich Flüchtlingskind. Für mich ist diese ehrenamtliche Arbeit auch eine Aufarbeitung meiner eigenen Geschichte. Für mich hat sich heute ein Kreis geschlossen: 1989 das Hearing in Frankfurt und jetzt die Fachtagung in Berlin. Dafür bin ich Ihnen sehr, sehr dankbar. Aus meinem Lebensweg (Ich habe zweimal in den USA gearbeitet, Praktika in Madrid und Stockholm gemacht und viele Länder dieser Welt bereist) möchte ich sagen: Mein Vaterland ist Deutschland, meine Heimat die Welt.

Wir möchten uns an dieser Stelle bei allen Personen und Organisationen, die uns in Wort, Tat und Gebet unterstützt haben, recht herzlich bedanken.