Die kollektive Intelligenz nutzen
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Die kollektive Intelligenz nutzen
Gastbeitrag von Dr.-Ing. Marita Hilgenstock von der RWE Aktiengesellschaft
Bücher bestellen, Nachrichten schreiben, Bankgeschäfte erledigen - das Internet eröffnet uns viele neue Möglichkeiten der weltweiten Kommunikation. Auch beim Engagement vor Ort? Was kann das Netz bei diesem Thema leisten?
Stellen wir uns vor: Eine Großmutter erinnert sich an ihre Jugendfreundin, die vor langer Zeit in eine andere Stadt gezogen ist. Der Kontakt brach danach ab. Ihr Enkel möchte ihr nun eine Freude machen. Er fragt - vielleicht über SchülerVZ -, ob jemand diese Freundin ausfindig machen kann. Nehmen wir an, das gelingt und zwei Kinder bringen die beiden Jugendfreundinnen nach langen Jahren wieder zusammen. Da ist viel an Engagement passiert und macht hoffentlich Lust auf mehr.
Dies ist nur ein Gedankenspiel, das zeigt: Für unsere Bürgergesellschaft birgt der Austausch im Netz ein enormes, noch wenig genutztes Potenzial. Bürger wissen selbst oft am besten, was in ihrem Umfeld Not tut. Da hat jemand eine Lösung, weiß aber nicht, wem er damit helfen kann. Ein anderer wiederum hat eine weitere Idee. Welche ist die bessere? Wenn all das zueinander findet, besteht die Chance auf Neues - Innovation durch Partizipation.
Auch Unternehmen spüren das Neue und nutzen die Möglichkeiten. Nicht zufällig liegt Corporate Volunteering derzeit im Trend. Unternehmen bieten ihren Mitarbeitern Unterstützung an, wenn sie sich ehrenamtlich engagieren wollen. RWE hat dafür die Initiative RWE Companius ins Leben gerufen. Als Dach bündelt RWE Companius die bisher regional durchgeführten Aktivitäten - sowohl im In- als auch im Ausland. Gefördert werden Projekte, die den Mitarbeitern am Herzen liegen und in die sie sich auch selbst einbringen. Die Breite der Projekte spiegelt die Vielfalt der Lebenswirklichkeiten wieder. Die Nachfrage an Projekten - 3000 bislang insgesamt, dabei allein 1000 im vergangenen Halbjahr - zeigt, wie wichtig dieses Engagement ist.
Dabei ist RWE Companius offen: Offen für den Erfahrungsaustausch der Mitarbeiter untereinander über Stadt- und Landesgrenzen hinweg, offen für Projekte von "draußen", wenn sie einen Mitarbeiter als Paten finden, offen für die Meinung anderer. Möglich wird dies, weil die gesamte Information, Kommunikation und Abwicklung im Internet stattfindet und neue Formate wie Blogs vorsieht. RWE Companius ist ein Netzwerk und kann sich mit anderen Netzwerken verknüpfen. Damit wird eine Dynamik möglich, in der sich Unternehmensengagement mit Zivilengagement zusammen tun kann.
Diese Dynamik will genutzt werden. Die Strukturen, in denen Engagement bis heute stattfinden, haben sich bewährt. Sie sollen nicht ersetzt, sondern ergänzt werden. Es muss diese vielfältigen Zugänge zu Engagement geben, um alle mitzunehmen. Was aber fehlt, ist das Wissen voneinander - die Vernetzung.
Erst mit der Vernetzung steigen die Chancen, dass wir neue Antworten auf die Herausforderungen unserer Zeit finden. Plötzlich denken viele gemeinsam über ein Problem nach. In Wikipedia, selbst eines der besten Beispiele dafür, wird dieses Verhalten als "Kollektive Intelligenz, auch Gruppen- oder Schwarmintelligenz" genannt. Kollektive Intelligenz ist laut Wikipedia immer dann am Werk, wenn aus "Kommunikation und Handlungen Einzelner intelligente Verhaltensweisen eines Superorganismus", z.B. einer sozialen Gemeinschaft, entstehen.
Auch beim Thema Engagement können wir kollektive Intelligenz gut gebrauchen. Dies gelingt allerdings nur mit einer stützenden Infrastruktur, die im Hintergrund arbeitet. Es gehören dazu Webadressen ebenso wie Menschen in ihren Organisationen. Die Diskussion darum ist gerade im Rahmen der Empfehlungen für eine nationale engagementpolitische Strategie in einem breiten Multi-Stakeholderdialog vom BMFSFJ gestartet worden. Die Fragen, wie eine solche Infrastruktur aussehen kann, wer welche Rolle übernimmt, wie sie zu finanzieren ist oder sich selbst finanziert, sind noch offen.
Auch werden alte Denkmuster aufgebrochen werden müssen. Wären wir bereit, beispielsweise das Problem von Kinderarmut in einem solchen Netzwerk zu diskutieren und an Lösungen zu arbeiten? Und kann das überhaupt gehen? Welche Weichen müssen gestellt werden, welche stören nur? Noch gibt es mehr Fragen als Antworten.
Aber wenn der gerade gestartete Prozess auf Bundesebene und in dieser Breite weitergeführt wird, ohne der Versuchung zu erliegen, schnelle Ergebnisse vorzuzeigen, besteht die berechtigte Hoffnung, dass aus der kollektiven Intelligenz etwas ganz Neues entsteht.
Kontakt: Marita.Hilgenstock@rwe.com