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Bürgergesellschaft auf dem Vormarsch

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Mai 2008

 

Bürgergesellschaft auf dem Vormarsch
Kommentar von Gloria Possart zum "3. Forum Bürgergesellschaft" im Schloß Diedersdorf am 14./15. März

Knapp 30 Expertinnen und Experten aus den drei Sektoren Staat, Markt und Bürgergesellschaft als Ressource und "Think tank" zur Bürgerkommune: in Form von fünf Diskussionsforen standen sowohl das theoretische Konzept als auch dessen best practice und Entwicklungspotenziale auf den Prüfstand.

Die im vorherigen "Forum Bürgergesellschaft" 2007 festgestellte Tendenz einer Monetarisierung von Teilbereichen des bürgerschaftlichen Engagements wurde nicht nur als Risiko, sondern auch als Chance hybrider Formen der Engagementförderung wahrgenommen (vgl. Jakob 2007). In diesem Zusammenhang fokussieren sich die Herausforderungen an die Bürgerkommune u.a. auf die nachhaltige Gewinnung und Einbeziehung örtlicher Unternehmen. Während es im Forum 2007 verschiedene unternehmerische Kooperationsmodelle gab, zeichneten sich die Diskussionsforen in 2008 durch innovative mehrsektorale Konzepte zwischen Politik, Verwaltung und Bürgerengagement aus. Die Beteiligung von Vertretern der Wirtschaft und wirtschaftsnahen Organisationen signalisiert allerdings deren grundsätzliches Interesse: Es ist zu erwarten, dass Vertreter der Wirtschaft demnächst ihrerseits Modelle mehrsektoraler Partnerschaften in Diedersdorf vorstellen werden.

Prof. Dr. Thomas Olk, Vorsitzender der Stiftung Bürger für Bürger, führte kurz und prägnant in die theoretische Grundidee des Konzepts Bürgerkommune ein: Herkunftsgeschichte, Merkmale, neuere Entwicklungen, Grenzen und offene Fragen. Der "stärkere Einbezug der Bürgerinnen und Bürger sowohl in die Entscheidungsbeteiligungen als auch in die Produktion kommunaler Leistungen" gilt als Hauptzweck der Bürgerkommune. Diese soll Fortentwicklung der Dienstleistungskommune sein, welche aus der Behörde als obrigkeitliche Kommune im Zuge des Neuen Steuerungsmodells entstand (nach Plamper 1998). Folglich ist eine Politik der Aufgabenübertragung wichtigstes Wesensmerkmal der Zusammenarbeit innerhalb der Bürgerkommune.

Hannes Wezel, Leiter der Geschäftsstelle für Bürgerengagement der Stadt Nürtingen, stellte im ersten Diskussionsforum die "Bürgerkommune als Gesamtkonzept" vor und präsentierte die Einbeziehung aller Sektoren in das Nürtinger Gemeinwesen. Er erläuterte die sogenannte "Nürtinger Formel": Bürgerkommune = Empowerment (Beteiligungsförderung x Engagementförderung).

Dr. Thomas Röbke, Geschäftsführer des Landesnetzwerks Bürgerschaftliches Engagement Bayern, präsentierte im zweiten Diskussionsforum mit dem Titel "Müssen wir näher an den Bürger ran? Zur Bedeutung stadtteilbezogener Ansätze der Bürgerkommune" die lokale Engagementförderung der Stadt Nürnberg. Das Zentrum Aktiver Bürger hat sich dort von einem ehemaligen Modellprojekt zu einem strategischen Akteur kommunaler Sozialpolitik etabliert. Die Entwicklung von Schlüsselprojekten hat zu einer städtisch relevanten Infrastruktur bürgerschaftlich erbrachter Dienstleistungen geführt, die per Stadtratsbeschluss im Jahr 2005 in einen kommunalpolitischen Orientierungsrahmen für eine nachhaltige Jugend-, Familien-, Bildungs- und Sozialpolitik in Nürnberg implementiert wurde.

Roswitha Rüschendorf, Vorsitzende der Landeswertungskommission im Regierungspräsidium Kassel, stellte im dritten Diskussionsforum "Die Bürgerkommune im ländlichen Raum" eine "Anleitung zur Selbstbewertung dörflicher Aktivitäten" vor. Sie wurde in Zusammenarbeit mit dem hessischen Ministerium für Umwelt, ländlichen Raum und Verbraucherschutz entwickelt und bietet eine Evaluierungsmethode dörflicher Aktivitäten. Diese dient vorrangig der Qualitätsentwicklung ländlicher Regionen.

Ralf Baumgarth, Vorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freiwilligenagenturen (bagfa), beschrieb im vierten Diskussionsforum "Entwicklungspotentiale der engagementfördernden Infrastruktur auf kommunaler Ebene nutzen – und sichern". Die bewusste Etablierung der strategischen Potentiale bürgerschaftlichen Engagements basiert bei Freiwilligenagenturen dabei vermehrt auf der Funktion als Entwicklungsagenturen – und nicht nur als Vermittlungsagenturen.

Elke Becker, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Institut für Stadt- und Regionalplanung der Technischen Universität Berlin, entfaltete im abschließenden Diskussionsforum den Fragenkomplex "Lässt sich die Bürgerkommune auf Beteiligungsansätze reduzieren?" Die Schnittmengen Corporate Social Responsibility bzw. Corporate Citizenship zwischen den Sektoren Markt und Non-Profit-Sektor sowie Bürgerbeteiligung bzw. Politik zwischen den Sektoren Staat und Non-Profit-Sektor zeigten die Vielfalt mehrsektoraler Zusammenarbeit auf. Wichtige Handlungsfelder der dreisektoralen Kooperationen bilden das Quartiersmanagement, das City-Management oder Stadtmarketing und die Lokale Agenda 21.

Die Beiträge werden im "Forschungsjournal Neue Soziale Bewegungen" dokumentiert. Erhältlich ab Juni 2008 bei der Stiftung zum Preis von 10 Euro.


Gloria Possart promovierte an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg zum Thema "Wirkungsorientierte Evaluation von Freiwilligendiensten", ist Lehrbeauftragte für Sozialmanagement an der Alice Salomon Hochschule Berlin und selbstständige Betriebliche Sozialberaterin für die Bombardier Transportation GmbH.
www.gloriapossart.de