Bürgerschaftliches Engagement wird mehr denn je gebraucht
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Bürgerschaftliches Engagement wird mehr denn je gebraucht
Fazit von Jürgen Schultheis
(Frankfurter Rundschau) zum „Forum Bürgergesellschaft“
Die Stiftung Bürger für Bürger hat kürzlich den Versuch unternommen, ein
Phänomen näher zu bestimmen, das in diesen Tagen ebenso präsent wie unfassbar
erscheint: Wenige Kilometer außerhalb Berlins diskutierte eine Runde aus
theoretisch geschulten Praktikern und praktisch orientierten Theoretikern über
die Frage, wie viel soziale Ungleichheit eine lebendige Bürgergesellschaft
braucht oder gar forciert. Die Frage war bewusst provokant gestellt, um über die
Kontroverse am Ende näher bestimmen zu können, was denn eigentlich
Bürgergesellschaft sei.
Die Runde auf Schloss Diedersdorf ist die Antwort zwar schuldig geblieben – die
im übrigen auch niemand ernsthaft erwartet hatte. Aber es glückte doch so etwas
wie eine Grundverständigung und nähere Beschreibung des Phänomens.
Bürgergesellschaft, darauf hat der Soziologe Prof. Claus Offe hingewiesen, ist
vor allem eine Vielzahl von Ideen und Praktiken von Menschen außerhalb
staatlicher Instituti-onen. Die Akteure der Bürgergesellschaft – Menschen in
Vereinen, Bürgerinitiativen oder anderen Gruppen, die ein Mindestmaß an
kollektiver Aktion aufweisen, zeichnen sich durch eine kritische Halbdistanz zu
Staat und Markt aus, obgleich beide Sphären notwendige Voraussetzungen für eine
lebendige Bürgergesellschaft sind. Der Staat, weil er eine diskriminierungsfreie
Gleichheit vor dem Gesetz und Koalitionsfreiheit garantiert; der Markt, weil er
laut Offe ursprünglich nicht primär auf die Steigerung des Wohlstandes
ausgerichtet war, sondern als Arrangement des sittlichen Kaufmannes verstanden
worden ist, aus der die Tugend der Verantwortung des Einzelnen entsteht. Auf
dieser staatlichen und marktwirtschaftlichen Grundlage zeichnen sich die Akteure
der Bürgergesellschaft durch ein hohes Maß an Selbstorganisation aus, um
Probleme lösen zu können. Zugleich müssen sie Distanz zu beiden Sphären wahren,
weil der Staat durch Überregulierung gerade die Handlungsfähigkeit
selbstorganisierter Bürger einschränkt, und weil der moderne Markt heute auf
vielen Gebieten wohlfahrtsmindernd wirkt und das „Lebensgut Arbeitsvertrag“ (Offe)
immer häufiger vorenthält.
Die Art und Weise, wie Probleme gelöst werden, unterscheidet Bürgergesellschaft
von Staat: Während Staat im Regelfall einsektoral, zeitlich befristet und mit
teilweise großen Summen Geldes einzugreifen versucht, setzt Bürgergesellschaft
auf Akteure aus unterschiedli-chen Sektoren mit unterschiedlichen Kompetenzen,
auf ihre Vernetzung untereinander, auf die wechselseitige Vermittlung von Wissen
und auf die Dauer der Kooperation. Dass die Akteure der Bürgergesellschaft dabei
auch an harten Problemen mitarbeiten – etwa bei der Integration von Ausländern
oder in ihrem Engagement gegen Rechtsextremismus – zeigen Beispiele aus Augsburg
und aus Ostdeutsch-land.
In Augsburg hat sich in den vergangenen Jahren eine lebendige bürgerschaftliche
Szene entwickelt, die in Kooperation mit dem koordi-nierenden Sozialamt der
Stadt an vielerlei Aufgaben arbeitet: In so genannten Stadtteilschulen
qualifizieren Freiwillige türkische Mütter, Jugendliche engagieren sich
außerhalb ihrer vertrauten Sphäre und gewinnen Einblick in andere Milieus, der
Neubürgerempfang ist keine Sache der Stadt mehr, sondern wird von Altbürgern in
eigener Regie organisiert. „Kommune besteht substanziell aus Ehrenamt“, sagt
Augsburgs Sozialdezernent Dr. Konrad Hummel, der statt kritischer Halbdistanz
von Bürgergesellschaft und Staat vermutlich lieber von freundlicher Halbnähe von
Staat und Bürgergesellschaft sprechen würde.
Wer sich engagiert, sagt der Sozialwissenschaftler Prof. Thomas Olk,
Vorsitzender der Stiftung Bürger für Bürger, der verfügt über ideelle und
materielle Ressourcen, ist selbstbewusst und kann sich also das Engagement in
vielerlei Hinsicht „leisten“. Solche Akteure sind aber ungleich verteilt, wie
das Beispiel Ostdeutschland zeigt, wo die Basis für ehrenamtliche Arbeit oft
fehlt, weil die Vorbilder, die Tonange-benden gerade in der jungen Generation
das Land Richtung Westen verlassen, sagt Andreas Pautzke, Geschäftsführer der
Stiftung Demokratische Jugend. In Mecklenburg-Vorpommern sind es sogar zunehmend
auch Mitglieder und Sympathisanten der NPD, die sich bürgerschaftlich
engagieren, etwa Suppenküchen für Bedürftige organisieren, das Personal der
Freiwilligen Feuerwehren stellen und andere klassische Ehrenämter besetzen. Die
Stiftung versucht, etwa über das Thema Heimatverbundenheit den Jugendlichen
Angebote zu machen, um Widerstandsfähigkeit gegen rechtsradikale Ideologien
aufzubauen. Angebote, mit denen die Selbstorganisation und damit
bürgergesellschaftliche Strukturen entstehen sollen.
Bürgergesellschaft, auch das ist ein Ergebnis des Forums auf Schloss Diedersdorf,
ist nicht gleich verteilt und ist dort nicht existent, wo sie besonders
gebraucht wird – nämlich im Osten der Republik. Die unterschiedlichen Formen von
Bürgergesellschaft können gerade wegen dieser regionalen Besonderheiten nicht
einfach übertragen werden. Wie sie gefördert werden können, ist bislang
weitgehend unklar. Ein Weg könnte sein, Selbstbewusstsein gerade bei
Jugendlichen aufzubauen, ihnen Verantwortung zu übertragen und ihre Fähigkeiten
anzuerkennen, sagt Eveline Metzen, Mitarbeiterin der Hamburger Körber-Stiftung.
„Erst dann können sie als Bürger aktiv werden.“
Umstritten blieb am Ende, ob denn nun alle 22 Millionen Menschen in der
Bundesrepublik, die sich im weitesten Sinne engagieren, Teil der
Bürgergesellschaft sind, worauf der Direktor des Maecenata-Instituts, Rupert
Graf Strachwitz, hinwies. Unbestritten blieb seine Auskunft, dass gerade
zwischen Politik und öffentlicher Verwaltung einerseits und Bürgergesellschaft
andererseits ein schwieriges Verhältnis besteht. Der Staat in seinem
Selbstverständnis als Aufseher und Kontrolleur behandele die Akteure der
Bürgergesellschaft im Regelfall mit Herablassung. Sie seien dann willkommen,
wenn es um „nachsorgende Reparatur geht“, aber Störenfriede, wo sie sich
einmischen, sagt die BUND-Bundesvorsitzende Dr. Angelika Zahrnt.
Mag sein, dass – im Sinne der provokanten Frage des Forums – Bürgergesellschaft
die Disparitäten in der Gesellschaft erhöht, weil eben nicht überall und
gleichermaßen Engagement zum Wohle der Gemeinschaft entsteht und gedeiht. Und
dennoch ist das Konzept selbstorganisierten Engagements ohne Alternative, weil
der Staat – ob gewollt oder ungewollt – aus Mangel an Potenz seine
Allzustän-digkeit langsam verliert. Gerade deswegen wäre eine Öffnung
staatlicher Institutionen hin zur Bürgergesellschaft wünschenswert – aus der
kritischen Halbdistanz hin zu einer freundlichen Nähe. „Der Test für die
Bürgergesellschaft kommt dann, wenn der Staat der Bürger-gesellschaft etwas
zutraut“, sagt Prof. Thomas Olk, Vorstand der Stiftung Bürger für Bürger.
Jürgen Schultheis
Frankfurter Rundschau
Teilnehmerliste des Forum Bürgergesellschaft am 6./7.04.06 in Schloß Diedersdor
Holger Backhaus-Maul, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Dr. Johannes Bohnen, Atlantische Initiative e.V., Berlin
Andreas Brandhorst, Bundestagsfraktion B 90 / Die Grünen, Berlin
Dr. Warnfried Dettling, Ministerialdirektor a.D., Berlin
Ulla Eberhard, Kölner Freiwilligenagentur
Prof. Adalbert Evers, Universität Gießen
Dr. Ulf Fink, Senator a.D., Berlin
Birger Hartnuss, Bundesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement, Berlin
Gottfried Härle, Unternehmer, Leutkirch im Allgäu
Dr. Konrad Hummel, Sozialreferat der Stadt Augsburg
Dr. Ansgar Klein, Bundesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement, Berlin
Prof. David Kramer, Alice-Salomon-Fachhochschule für Sozialarbeit u.
Sozialpädagogik, Berlin
Dr. Dietmar Kress, Greenpeace, Hamburg
Vera Lengsfeld, Bundestagsabgeordnete a.D., Berlin
Eveline Metzen, Körber-Stiftung, Hamburg
Dr. Stefan Nährlich, Aktive Bürgerschaft e.V., Berlin
Prof. Dr. Claus Offe, Humboldt-Universität Berlin
Prof. Dr. Thomas Olk, Stiftung Bürger für Bürger
Andreas Pautzke, Stiftung Demokratische Jugend, Berlin
Gloria Possart, Alice-Salomon-Fachhochschule für Sozialarbeit u.
Sozialpädagogik, Berlin
Dieter Schöffmann, vis-a-vis Agentur für Kommunikation, Köln
Jürgen Schultheis, Frankfurter Rundschau, Frankfurt am Main
Bernhard Schulz, Stiftung Bürger für Bürger
Dr. Klaus Spieler, Förderverein für Jugend – und Sozialarbeit, Berlin
Elisabeth Freifrau Spies von Büllesheim, Malteser Hilfsdienst, Engelskirchen
Rupert Graf Strachwitz, Maecenata-Institut für Philantropie und
Zivilgesellschaft, Berlin
Tobias Wangermann, Konrad-Adenauer-Stiftung, Berlin
Frieder Wolf, Amt des Oberbürgermeisters der Stadt Köln
Dr. Angelika Zahrnt, Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), Berlin