Bürger(innen)beteiligung als kommunikativer Prozess
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Um Partizipationsprobleme zu vermindern und die Qualität von Bürger(innen)beteiligung zu verbessern, sind in den letzten Jahren eine Reihe von zumeist projektorientierten Ansätzen erprobt worden, denen gemeinsam ist, dass Bürger(innen)beteiligung nicht als formaler Akt, sondern als kommunikativer Prozess verstanden wird.
Je nach Akzentuierung zielen sie schwerpunktmäßig z.B. auf den Ausgleich divergierender Interessen (z.B. Runder Tisch, Mediation, Forum, Zukunftskonferenz), die bessere Vertretung bisher unzureichend beteiligter Interessen (z.B. Anwaltsplanung, Interessenbeauftragte), die Aktivierung im Stadtteil (z.B. Gemeinwesenarbeit, Planning for real, Community Organizing), die Entwicklung von Kreativität und Kompetenz (z.B. Zukunftswerkstatt, Open Space), die Beteiligung besonderer Zielgruppen (z.B. Frauen, Kinder und Jugendliche) oder eine möglichst repräsentative Beteiligung der Bevölkerung (Planungszelle/Bürgergutachten). Ganz neue Beteiligungswege eröffnet darüber hinaus das Internet:
Mediation/Runder Tisch
Mediator(inn)en führen anders als Richter(innen), Schlichter(innen),
Schiedsleute keinen Urteilsspruch oder Kompromiss herbei, sondern schaffen die
Voraussetzungen für einen Klärungsprozess, in dem die Konfliktparteien
miteinander verhandeln, um zu einer für alle Seiten wenigstens hinnehmbaren
Lösung zu kommen. Angestrebt wird ein diskursiver statt positioneller
Verhandlungsstil. Mediationsähnliche Verfahren haben in der Bundesrepublik
während der letzten Jahre auch in Form von sog. Runden Tischen, Stadt- und
Verkehrsforen etc. größere Verbreitung gefunden.
Zukunftskonferenz
Bei der Zukunftskonferenz versammeln sich ein bis zweieinhalb Tage lang (30
bis 72) von einem Problem betroffene oder unterschiedliche Bevölkerungsgruppen
vertretende Personen, um zu gemeinsamen Visionen und zur Erarbeitung von
Maßnahmenplänen zu kommen. In fünf Schritten werden in Kleingruppen zunächst
bestehende Unterschiede und Gemeinsamkeiten ermittelt und b) mögliche externe
- positive wie negative - Trends bewertet, dann c) Zukunftsideen entwickelt,
d) Gemeinsamkeiten herausgearbeitet und dann e) konkrete Maßnahmen zur
Umsetzung geplant.
Anwaltsplanung
Bei der Anwaltsplanung werden benachteiligte Gruppen von Bürgeranwält(inn)en
unterstützt, die die Interessen dieser Gruppen in Planungsprozessen einbringen
und vertreten. Dies geschieht nicht etwa losgelöst, sondern in enger
Rücksprache mit den Betroffenen, mit aufsuchender Arbeit,
Bewohner(innen)versammlungen etc.
Ebenso können Beauftragte (z.B. zukünftige Generationen, Kinderbeauftragte)
für schwer organisierbare Interessen eingesetzt werden, die diese in
Entscheidungsgremien vertreten.
Gemeinwesenarbeit
(Aktivierende Befragung)
Durch aufsuchende Arbeit (Hausbesuche, Jugendtreffpunkte) versucht die
Gemeinwesenarbeit, Bürger(innen) zum Engagement anzuregen. Wichtiges
Hilfsmittel ist die sog. aktivierende Befragung. Zunächst werden die Wünsche
und Bedürfnisse ermittelt, dann gemeinsame Priorisierungen vorgenommen und
schließlich konkrete Umsetzungsschritte erarbeitet. Eine Sonderform der
aktivierenden Befragung ist auch Planning for Real.
Planning for Real
Planning for Real ist ein in Großbritannien entwickeltes
Beteiligungsverfahren, das in Berlin-Wedding erfolgreich ausprobiert worden
ist. Es wird ein transportables (Papp-) Modell des Stadtteiles hergestellt und
an vielen Orten (Kneipen, Straßenbahnen, U-Bahnen usw.) gezeigt, um
Bürger(innen) miteinander ins Gespräch zu bringen. Daraus entwickeln sich
Veränderungsvorschläge und neue Formen nachbarschaftlicher Aktivität.
Community Organizing
Community Organizing zielt auf langfristige und kontinuierliche Veränderung in
Stadtteilen und Städten und baut als Basis dafür eine starke und tragfähige
Organisation auf. Dazu wird zunächst ein Gründerkreis (Sponsoring Comitee) mit
Schlüsselpersonen aus wichtigen intermediären Organisationen gebildet. Erst
wenn die personellen und materiellen Ressourcen sichergestellt sind, beginnt
der Prozess der Themenfindung.
Zielgruppenworkshops
Für bestimmte Zielgruppen werden zu spezifischen Themen Workshops angeboten,
um ihnen Gelegenheit zu geben, sich erst einmal in der eigenen Bezugsgruppe
über Ziele und Inhalte von Planungen zu verständigen. Beispiele etwa sind
Workshops für Frauen zum Thema "Frauenfreundliche Planung",
"Frauenfreundlicher ÖPNV" oder Zukunftswerkstätten mit Kindern/Jugendlichen.
Zukunftswerkstatt
Zukunftswerkstatt ist eine maßgeblich von Robert Jungk entwickelte
Arbeitsform, um in Gruppen gemeinsam Ideen zu entwickeln und Möglichkeiten
ihrer praktischen Umsetzung zu erarbeiten. In der (1) Kritikphase erfolgt eine
Bestandsaufnahme von Problemen und Mängeln in einem Bereich. Diese werden
anschließend nach Bedeutung gewichtet. Die (2) Ideen- und Phantasiephase dient
der Vorstellung von Vorschlägen und Träumen, wie es anders sein könnte. In der
(3) Umsetzungs- oder Verwirklichungsphase geht es schließlich darum, Wege und
Möglichkeiten zu finden, wie diese Ideen am besten realisiert werden können.
Open Space
Open Space ist eine in den USA entstandene Versammlungstechnik. Statt feste
Programmstrukturen vorzugeben, kommen die Teilnehmenden zu Beginn zusammen, um
die Themen und Punkte zu benennen und aufzuschreiben, die für sie höchste
Aktualität haben und die sie persönlich gerne behandeln möchten. Danach bilden
sie in wechselnder Zusammensetzung nach Neigung und Interesse Kleingruppen.
Die Ergebnisse der einzelnen Gruppen werden protokolliert. In einer
Schlussrunde können dann Maßnahmen und Prioritäten zur Umsetzung vereinbart
werden.
Bürgergutachten/Planungszelle
Das Modell Planungszelle wurde von dem Wuppertaler Soziologieprofessor Peter
C. Dienel entwickelt. Eine Planungszelle ist eine Gruppe von ca. 25 im
Zufallsverfahren ausgewählten Bürgerinnen und Bürgern, die für ca. eine Woche
von ihren arbeitsalltäglichen Verpflichtungen freigestellt werden, um in
Gruppen Lösungsvorschläge für ein vorgegebenes Planungsproblem zu erarbeiten.
Die Ergebnisse ihrer Beratungen werden in einem sog. Bürgergutachten
zusammengefasst.
Beteiligung via Internet
Via Internet können Bürgerinnen und Bürger sich aktiv an Planungsprozessen
beteiligen. Neben Beratungen und Abstimmungen zu ganz konkreten
Planungsprojekten (Beispiel: Verkehrsberuhigung im Bremer Stadtteil Horn-Lehe)
können sog. Bürgerpanels aus einem festen Kern von z.B. 500 bis 1.000
Bürgerinnen und Bürgern gebildet werden, die über einen Zeitraum von 3 Jahren an
regelmäßigen Befragungen (3-4 mal jährlich) zu lokalen Themen teilnehmen.
Der vollständige Text „Bedingungen von erfolgreicher Bürger(innen)beteiligung" ist im Internet veröffentlicht: www.stadtteilarbeit.de/seiten/theorie/reinert/erfolgreiche_buergerbeteiligung.htm