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Rezension: Bürgerschaftliches Engagement in Ostdeutschland

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Mai 2003

 

Rezension: Bürgerschaftliches Engagement in Ostdeutschland

Neuer Sammelband von Holger Backhaus-Maul, Olaf Ebert, Gisela Jakob, Thomas Olk (Hg.)

Interessant ist er, der neue Sammelband zum bürgerschaftlichen Engagement, vor allem für alle Über-den-eigenen-Tellerrand-Gucker: für Politiker, die sich für Ergebnisse der Wissenschaft interessieren, für Verbändevertreter, welche über neue Konzepte nachdenken, für kleinere Initiativen und Infrastruktureinrichtungen, denen es um`s Überleben geht oder für Westdeutsche, die den Blick in den Osten wagen. 
Jedenfalls haben Sie, als potenzielle/r Leser/in auf den insgesamt 350 Seiten nicht nur viele, sondern auch sehr gut strukturierte Beiträge namhafter Autoren vor sich liegen.
Warum ein Buch zu diesem Thema? 
Anders als vor einigen Jahren ist heute deutlicher erkennbar und anerkannt, dass es Unterschiede im bürgerschaftlichen Engagement zwischen Ost und West gibt. Und: dass sich diese nicht nur durch zeitliche Probleme beim Nachholen, beim Transfer erklären lassen. Bürgerschaftliches Engagement in Ostdeutschland kann nicht allein an der Engagement-Landschaft in den Altbundesländern gemessen werden. Es ist anders organisiert, hat ein eigenwilliges, oft bunteres Leben und passt zunehmend weniger in die empfohlene westliche Schublade. 
Das als Ausgangspunkt und die bisher unzureichenden Beschreibungen des bürgerschaftlichen Engagements in Ostdeutschland im Hintergrund wollen die Herausgeber mit dem vorliegenden Band vor allem Wissen über die Unterschiede in Ost und West vermitteln. Dabei stehen - so wie der Untertitel des Bandes verspricht - Potenziale und Perspektiven im Zentrum der Betrachtungen. Bei den Ausführungen zu den spezifischen ostdeutschen Potenzialen - wie beispielsweise die Traditionen und erworbenen Kompetenzen in der DDR, das Erbe der Bürgerbewegungen, die vorhandenen bunten Netzwerke, die `besondere` Mentalität oder der intensivere Bezug zur Erwerbsarbeit - bei all dem stellt sich die Frage, warum kaum ein Niederschlag bei Institutionen und Organisationen auf Bundesebene, bei aufgelegten Bundesprogrammen zu finden ist. - In jedem Falle sollten diese genauso wie die im Band aufgezeigten `kleinen und großen` Perspektiven einer weiteren Diskussion würdig sein. 
Nach theoretischen sozialwissenschaftlichen Beiträgen, empirischen Studien zu verschiedenen Tätigkeitsfeldern und Beiträgen zur länderbezogenen Engagementförderung geht es um gesamtgesellschaftliche Perspektiven, um notwendige gesellschaftspolitische Rahmenbedingungen und damit auch um die Frage, wie sich künftig das Verhältnis von Bürgern und Staat gestalten wird, welche Rechte und Pflichten die Bürger im Gemeinwesen haben werden und was der Staat künftig tun muss. Ein entsprechender politischer Wille vorausgesetzt kann ein wesentlicher Baustein zukunftsweisender Engagementpolitik die Stärkung lokaler Infrastruktur bürgerschaftlichen Engagements sein, so etwa das Etablieren von Freiwilligenagenturen und -zentren. 
Dieses Buch - so meine ich - gibt Orientierung, Differenzierung und mitunter auch Kraft für Gestaltende und Fragende im Themenfeld des bürgerschaftlichen Engagements, nicht nur in Ostdeutschland. Es ermöglicht verschiedene Anknüpfungspunkte für Theoretiker und Praktiker, um künftig auch gemeinsam (ost-)deutsche Perspektiven des bürgerschaftlichen Engagements zu diskutieren und zu gestalten.

Leske + Budrich, Opladen 2003, 351 Seiten, 27,90 Euro, ISBN 3-8100-2855-X

Kerstin Brandhorst
Mitarbeiterin Geschäftsstelle der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freiwilligenagenturen e.V. (bagfa), Torstraße 231, 10115 Berlin, Tel. 030 / 20 45 33 66, Fax 030 / 28 09 46 99, Internet: www.bagfa.de, E-Mail: bagfa@bagfa.de