Das bundesweite Netz zur Förderung des bürgerschaftlichen Engagements
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Das bundesweite Netz zur Förderung des bürgerschaftlichen Engagements - ein Beitrag zur Stärkung der Zivilgesellschaft?
Kommentar
von Prof. Dr. Thomas Olk, Vorsitzender der Stiftung Bürger für Bürger
Stellenwert
und Bedeutung der vielfältigen Ausdrucksformen bürgerschaftlichen Engagements
sind gesellschaftspolitisch anerkannt – nicht zuletzt durch die vielfältigen
Aktivitäten und Veranstaltungen des "Internationalen Jahres der
Freiwilligen" im Jahr 2001 sowie durch die Arbeit der Enquete-Kommission
"Zukunft des bürgerschaftlichen Engagements" des Deutschen
Bundestages.
Unstrittig
ist, dass das bürgerschaftliche Engagement in seinen vielfältigen Formen der
Unterstützung durch gesellschaftliche Organisationen und Vereinigungen sowie
durch Bund, Länder und Gemeinden bedarf. Ein wichtiger und wirksamer Weg zur
nachhaltigen und zukunftsorientierten Förderung des bürgerschaftlichen
Engagements stellt die Entwicklung von Netzwerken zwischen unterschiedlichen bürgerschaftlichen
Akteuren auf allen Ebenen der Gesellschaft dar. Diese Erkenntnis spiegelt sich
in der Gründung einer Vielzahl von Bündnissen und Netzwerken bürgerschaftlicher
Organisationen in vielen Kommunen und einigen Bundesländern wider. Auch auf der
Bundesebene hat sich mit dem "bundesweiten Netzwerk zur Förderung des bürgerschaftlichen
Engagements" ein solches zivilgesellschaftliches Bündnis herausgebildet.
Es wurde am 5. Juni 2002 als Nachfolgestruktur für den Nationalen Beirat zum
Internationalen Jahr der Freiwilligen gegründet und hat inzwischen in drei
Arbeitsgruppen Fragen der Mitgliedschaft, der Satzung und des Aufgabenprofils
dieses Netzwerks erörtert.
Begleitet
und unterstützt wird dieses Netzwerk von einem Koordinierungsbüro, das
vorbehaltlich einer Ausschreibung beim Deutschen Verein für öffentliche und
private Fürsorge angesiedelt ist und vom Bundesfamilienministerium finanziell
unterstützt wird. Diese Entwicklung wirft die Frage auf, ob - bzw. unter
welchen Bedingungen - die Gründung eines solchen bundesweiten Netzwerkes bürgergesellschaftlicher
Organisationen der richtige Weg ist, um bürgerschaftliches Engagement und das
Leitbild einer "aktiven Bürgergesellschaft" zu stärken. Haben wir in
Deutschland nicht schon genug Probleme mit dem Einfluss starke Interessenverbände
auf die Formulierung politischer Maßnahmen und Programme und führt diese
"Verbänderepublik" nicht eher zu politischen Blockaden, weil
politische Reformvorhaben immer irgendwo verbandlich organisierte partikulare
Interessen negativ betreffen? Dieser Hinweis auf die bereits vorhandenen Macht-
und Einflussstrukturen in einer durch Interessenverbände geprägten Demokratie
macht deutlich, welchen möglichen Gefahren das bundesweite Netzwerke entgehen
muss, um tatsächlich eine nachhaltige Förderung bürgerschaftlicher Formen von
Engagement zu gewährleisten. Bei der Profilierung der Aufgaben, der Regelung
von Mitgliedschaftsfragen und der Ausformulierung der Satzung sollte strikt
darauf geachtet werden, dass das bundesweite Netzwerk ein offenes und
demokratisches Forum für eine breite Palette vielfältigster bürgerschaftlicher
Vereinigungen und Organisationen wird. All zu stark ausgeprägte Sonderrechte
und Begünstigungen großer starker Dachverbände, etwa der Freien
Wohlfahrtspflege, des Sport und der Kultur gegenüber lockeren und
basisdemokratischen Bündnissen und Netzwerken würden zu einer problematischen
Hierarchisierung und Zweiklassenbildung von Mitgliedergruppen führen und damit
den bürgergesellschaftlichen Anspruch des Netzwerkes ad absurdum führen.
Das
bundesweite Netzwerk hat nicht die Aufgabe, Strukturen von Einflussbeziehungen
großer Verbände gegenüber Politik und Verwaltung, wie wir sie ohnehin schon
vorfinden, durch ein weiteres Einflussnetzwerk zu verdoppeln. Vielmehr stellt
sich dem bürgergesellschaftlichen Netzwerk eine völlig andersartige Aufgabe:
Es geht darum, Organisationen und Vereinigungen der Bürgergesellschaft aus
unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen an einen Tisch zusammenzuführen,
an dem sie ihre Erfahrungen austauschen, gemeinsame Interessen und Anliegen
beraten und neue Formen des Handelns erproben können. Im Mittelpunkt stehen
also diejenigen Themen, Anliegen, Probleme und Aktivitäten, die alle Organisationen, unabhängig davon, ob sie aus dem Bereich des
Sports, der Wohlfahrtspflege, der Umwelt, der Kultur oder des Rettungswesens
oder anderer Bereiche kommen, gemeinsam interessieren.
Nur wenn es gelingt, diese gemeinsamen Anliegen, Themen und Probleme der Bürgergesellschaft
zu artikulieren und zu bündeln und gegenüber einer breiten Öffentlichkeit und
der Politik zu artikulieren, wird das Netzwerk zu einer vermehrten Anerkennung
und Stärkung des Stellenwerts bürgergesellschaftlicher Strukturen und
Handlungsformen beitragen.
Da
in diesem Zusammenhang auch eine enge Kommunikation mit Politik und Verwaltung
erforderlich wird, ist es durchaus sinnvoll, dass Vertreter von Bundespolitik
und einschlägigen Bundesministerien als Mitglieder in das bundesweite Netzwerk
einbezogen und mit Sitz und Stimme im Steuerungsgremium bedacht werden. Aber bei
der konkreten Ausgestaltung dieser Beteiligung sollte die Rolle von Politik und
Verwaltung in einem solchen Netzwerk geklärt und das Ausmaß der Beteiligung
sorgfältig ausbalanciert werden. Die Beziehungen zwischen den Vertretern von
Bundespolitik und Verwaltung und bürgergesellschaftlichen Organisationen sind
hier nicht am Modell der Interaktion zwischen Zuwendungsgebern und Bittstellern
auszurichten, sondern vielmehr an dem Vorbild demokratischer Netzwerke, in denen
die Beteiligten ihr Wissen und ihre Kompetenzen in die Diskussion um die
Entwicklung optimaler Wege zur Förderung und Profilierung des gemeinsamen
Anliegens gleichberechtigt einbringen.