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Vorbildliche Bürgerbeteiligung in der Bürgerkommune Nürtingen

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Februar 2003

 

Vorbildliche Bürgerbeteiligung in der Bürgerkommune Nürtingen

Gastkommentar von Guido Wolf und Hannes Wezel

Wenn wir in unserer bürgerorientierten Kommune Nürtingen von Beteiligung sprechen, meinen wir damit nicht jene klassischen Formen der Bürgerbeteiligung, die landauf, landab zum technokratischen Standard der Verwaltungen erhoben wurden. Wir meinen nicht die Bürgeranhörungen zu Bebauungsplanverfahren oder gar die Bürgersprechstunde der Verwaltungsspitze. Dies sind selbstverständliche Elemente jeder kommunalen Demokratie und darüber hinaus in der Gemeindeverordnung verankert. Wenn wir von Beteiligung, Partizipation und Teilhabe reden, meinen wir damit immer ein Vorgehen, das auf einem dialogischen Prinzip, einer – wenn auch nur zeitweiligen - Auflösung von Hierarchien basiert.

Wie sieht diese Grundhaltung bei uns in der Praxis aus? Dazu ist es einerseits notwendig, Nürtingen zu „erleben", wie Besucher immer wieder sagen. Die Grundhaltung drückt sich in unserer Kommune in Stimmung, in Gefühl aber auch in konkret anwendbaren Methoden aus.

Bei Beteiligungsformen geht es immer auch um das Entstehen einer neuen sozialen Kultur, in der der Mensch im Mittelpunkt des Geschehens steht. Gefunden oder besser mitgebracht haben wir die Grundlagen dafür in der eigenen Biographie. Die Sozialen Bewegungen der 70er und 80er Jahre lehrten uns vor allem diese Werte: Selbstverwaltung und Selbstorganisation. Sie lehrten uns den Abschied vom Wohlfahrtsdenken, den Aufbruch und die Suche nach Idealen, sich einem Ziel, einer Idee leidenschaftlich zu verschreiben. Nachfolgend einige Verfahren:

Das Nürtinger Zelt – aktivierende Stadtteilforen

„Bürgerschaftliches Engagement vor der Haustür“: „Kultur im Zelt“ bedeutet Kultur von Bürgerinnen und Bürgern für Bürgerinnen und Bürger, Kultur von und für alle Generationen, Kultur von Schulen, Vereinen und Einzelkönnern. Bürgerschaftliche Beteiligung bezieht sich auf die Programmgestaltung ebenso wie auf die Mitbestimmung bei der Verwendung der Finanzen. 

Kommunalpolitischer Dialog

Die gewählten Kommunalpolitiker des Stadtparlamentes gehen schon immer im Bürgertreff ein und aus. Sie haben nach der Eröffnung schnell gemerkt, was ihnen eine solche „permanente Bürgerversammlung“ bringt. Und umgekehrt haben die Bürger die Nähe zu Gemeinderat und auch Verwaltungsspitze als unverkrampft und selbstverständlich erlebt. Bürgerorientierung und Bürgerengagement steht grundsätzlich im Spannungsverhältnis und im „magischen Dreieck“ zwischen Bürger, Politik und Verwaltung. Durch die kontinuierliche Einbeziehung der Kommunalpolitiker in die alltägliche Arbeit kam bei uns nie die Machtfrage auf. Immer waren die Rollen klar verteilt und richteten sich stets an dem aus, was in Schweden mit „großer und kleiner Demokratie“ gemeint ist: Die „große Demokratie“ als die klassische, gewählte, parlamentarische Form, also Politik schlechthin und Bürgerengagement als die „kleine Demokratie“, die alltägliche Form der Mitwirkung auf vielen verschiedenen, nicht immer politischen Feldern.

Die Beteiligung wird lebendig beim „Dämmerschoppen-Dialog“. Der ganze Titel lautet: „Es dämmert beim Schoppen im Bürgertreff - Kommunalpolitiker fragen - Bürger antworten“. Klarer kann man es nicht sagen, deutlicher kann man nicht auffordern, Politiker sollen zuhören und Bürger geben ihnen die Antworten. 

Ob Freibadsanierung, wo die Veranstaltung am Schwimmbecken in Badekleidung stattfindet, ob ein vom OB geführter Stadtspaziergang oder ein Rundblick vom Kirchturm, hier entstehen Impulse und manchmal auch neue Projekte.

Politiker, Bürger und Verwaltung, die zwischenzeitlich bei keinem „Dämmerschoppen“ mehr fehlt, werden mit kreativen Mitteln, in entspannter Atmosphäre, zusammengebracht. Ob Stimmungsbarometer, Modellaktion, Brainstorming, Rollenspiel, Blitzlichtrunde oder unser schwäbischer „Maultaschendialog“, all das fördert das Zusammenspiel der Kräfte.

Die Nürtinger Sozialkonferenzen – gemeinschaftliche Zukunftsentwürfe

In den seit 1997 jährlichen Nürtinger Sozialkonferenzen werden Gegenwartsthemen und Zukunftsentwürfe gemeinschaftlich bearbeitet. Gemeinsinn und solidarisches Handeln im Alltag sind gefragt. Auf der Sozialkonferenz sollen Denkanstöße für ein Zusammenleben zwischen Eigennutz und Gemeinsinn gesucht und BürgerInnen als ExpertInnen beteiligt werden. Die Nürtinger Sozialkonferenz soll helfen, Fragen nach sich selbst und der Rolle in der Gesellschaft zu suchen. Expertenbeteiligung steht für Betroffenenpartizipation. Unser Ansatz geht davon aus, dass gerade auch Betroffene Experten sein können und setzt diese Tatsache in einem „dritten Sektor", neben der Politik und der Wirtschaft als relevanten Gesellschaftsfaktor – dem Bürgerengagement - ein. Die Sozialkonferenz ist konzipiert als Kooperationsprojekt von Profis und BürgerInnen und setzt die Bereitschaft der Beteiligten zu lokaler Netzwerkarbeit voraus.

Seit 1998 finden in Nürtingen außerdem regelmäßig Zukunftswerkstätten zu wichtigen sozialen Fragestellungen statt. Ziel ist, in Gruppen gemeinsam Zukunftsvorstellungen zu entwickeln und Möglichkeiten ihrer praktischen Umsetzung zu erarbeiten. Dabei gibt es drei Phasen: Kritik-, Ideen- und Phantasie- sowie Umsetzungs- und Verwirklichungsphase.

 

Weitere Infos im Internet unter www.nuertingen.de oder beim Bürgertreff am Rathaus, Herrn Hannes Wezel, Marktstr. 7, 72622 Nürtingen, Tel. 07022/75366, E-Mail: buergertreff@nuertingen.de