Zurück zum Menü ...Die neue Rollen von Unternehmen in der Engagementförderung

von Holger Backhaus-Maul

Bürgerschaftliches Engagement ist in den USA eine kulturelle Selbstverständlichkeit. Kein Wunder - werden Kritiker/innen einwenden, denn ohne Wohlfahrsstaat und umfassende soziale Sicherung ist bürgerschaftliches Engagement in den USA eine unabdingbare soziale Notwendigkeit. Diese kritische Einschätzung greift aber zu kurz, denn bürgerschaftliches Engagement ist in den USA kein staatlicher Ausfallbürge, sondern in erster Linie Ausdruck des bürgerschaftlichen Anspruches auf Selbstbestimmung und -betätigung.

Die grundlegend unterschiedlichen gesellschaftlichen und vor allem wohlfahrtsstaatlichen Traditionen in den USA und Deutschland setzen einer Vergleichbarkeit und Übertragbarkeit von Modellen und Ideen deutliche Grenzen, gleichwohl zeichnen sich in den USA seit den 90er Jahren die Konturen einer neuen - globalen - Rolle von Unternehmen in der Engagementförderung ab.

Was bedeutet bürgerschaftliches Engagement in den USA? Zur Beantwortung dieser Frage ist es wichtig, sich zu vergegenwärtigen, dass wir es mit einer liberalen Gesellschaft zu tun haben, die den Wert der individuellen Freiheit höher als den der gesellschaftlichen Solidarität bewertet. Individuelle Verantwortung wird folglich der Vorzug gegenüber öffentlicher Daseinsvorsorge gegeben. Das heißt auch, dass im Falle individuellen Scheiterns die persönliche Schuld des Betroffenen hervorgehoben wird („blame the victim“), gleichzeitig aber erzeugt die liberale Risikogesellschaft in Kenntnis dessen, dass soziale Risiken jeden treffen können, eben auch Mitgefühl und Hilfsbereitschaft.

Unter diesen gesellschaftspolitischen Bedingungen obliegt den Bürgern ein hohes Maß an Eigenverantwortung in Fragen ihrer sozialen Absicherung, während die Erwartungen an den Staat in diesem Punkt ausgesprochen gering sind. Seit einigen Jahren richtet sich in den USA die öffentliche Aufmerksamkeit in sozialen Angelegenheiten stärker auf Unternehmen. Das öffentlich vorgetragene Argument, Unternehmen hätten unter den sehr günstigen politischen und wirtschaftlichen Bedingungen der letzten zehn Jahre in den USA beachtliche wirtschaftliche Erfolge erzielt, gibt Anlass zu der Forderung, dass sie der Gesellschaft, die diese Erfolge mit ermöglicht hat, etwas zurückgeben sollten. Wirtschaftlich erfolgreiche Unternehmen sind eben auch „Corporate Citizen“ - so die politische Kurzformel, die vom Recht auf freie unternehmerische Betätigung profitiert hätten, und nun ihren gesellschaftlichen Pflichten nachkommen sollten („giving back“).

Bürgerschaftliches Engagement ist in den USA ein integraler Bestandteil der Gesellschaft (vgl. Putnam 2000). Historisch betrachtet ist Engagement originär religiös begründet. Die Kirchen waren - in ihrer Pluralität - eine wichtige Institution bürgerschaftlichen Engagements. Es gibt aber auch in den USA seit Ende des 19. Jahrhunderts neben dem religiös motivierten Engagement ein zivilgesellschaftliches Engagement. Die Vorstellung einer Civil Society gründet in den Aktivitäten europäischer Auswanderer, die sich auf der Flucht vor absolutistischen Herrschern und auf der Suche nach individueller - vor allem religiöser - Freiheit befanden. Der assoziative Zusammenschluss freier Bürger/innen mit geteilten Wertvorstellungen und einer expliziten Gemeinwohlorientierung ist Ausdruck dieses bürgerschaftlichen Engagements von „unten“ (vgl. Walzer 1996).

Die Potenziale bürgerschaftlichen Engagements werden in den USA von Beratungs-und Forschungseinrichtungen, wie etwa „Independent Sector“ und der „Points of Light Foundation“, seit Jahren empirisch untersucht. Bezogen auf das Jahr 1998 wird etwa festgestellt (vgl. zum Folgenden Independent Sector 1999), dass 56 % aller über 18-jährigen Amerikaner und Amerikanerinnen bürgerschaftlich engagiert sind. In einer geschlechtsspezifischen Perspektive betrachtet leisten zirka 62 % aller Frauen und 49 % aller Männer bürgerschaftliches Engagement. Unter Altersgesichtspunkten ist hervorzuheben, dass rund 43 % aller über 75-Jährigen bürgerschaftlich aktiv sind. Und von den Engagierten wiederum sind 41 % gelegentlich und 39 % regelmäßig engagiert. Als Kerngruppen des Engagements sind in den USA erstens Familien mit schulpflichtigen Kindern, zweitens Erwerbstätige, die über ein überdurchnittliches Maß an Arbeitszeitflexibilität verfügen sowie ältere, nicht mehr erwerbstätige Menschen hervorzuheben. Es sind in der Regel Familien, bei denen beide Partner erwerbstätig sind, die die Kerngruppe des bürgerschaftlichen Engagements bilden. Betrachtet man die beiden wichtigen Formen des Engagements, d.h. Geld- und Zeitspenden, so fällt auf, dass diejenigen Privathaushalte, die tätiges Engagement leisten, gemessen am Bevölkerungsdurchschnitt zugleich das 2,5fache spenden: Aktives Engagement und Spendenzahlungen verstärken sich gegenseitig.

In den USA gibt es eine Kultur des Engagements: Es ist etwas Selbstverständliches, über dass man eigentlich gar nicht reden muss. Wenn man ins Museum für moderne Kunst geht oder sein Kind einschult, so ist es selbstverständlich, dass man zugleich sein Engagementpotenzial einbringt. Und bei Bewerbungsgesprächen in Schulen, aber auch in Universitäten, wird sehr wohl darauf geachtet, welches Engagementpotenzial Bewerber/innen mitbringen. Neben Noten sowie Schul- und Studiengebühren ist es gerade dieses Engagementpotenzial, was Bewerber/innen besonders interessant macht.

In den USA gibt es aber auch zahlreiche Faktoren, die bürgerschaftliches Engagement erleichtern und begünstigen. So können Familien bei doppelter Erwerbstätigkeit wichtige Träger des Engagements sein, da es entsprechende haushaltsbezogene Dienstleistungsangebote gibt, die Privathaushalte entlasten. Darüber hinaus sind Ganztagsschulen und eine umfassende Kleinkinderbetreuung eine Selbstverständlichkeit. Allessamt Standards wirtschaftlich erfolgreicher Gesellschaften, von denen Deutschland auch nach einer über dreißigjährigen öffentlicher Diskussion immer noch meilenweit entfernt ist. Die Möglichkeiten für Privathaushalte, Dienstleistungen einkaufen zu können, eröffnet ihnen wiederum neue Optionen, sich bürgerschaftlich zu engagieren. Das Wechselverhältnis zwischen einem bedarfsorientierten Angebot an haushaltsbezogenen Dienstleistungen und bürgerschaftlichem Engagement ist der Schlüssel zum Verständnis des hohen Engagementniveaus in den USA (vgl. zum Folgenden Backhaus-Maul 2001). Wenn es also das erklärte politische Ziel in Deutschland werden sollte, bürgerschaftliches Engagement zu fördern, so müßten Gelegenheiten geschaffen werden, die eine Vereinbarkeit von Erwerbstätigkeit, Familienleben und Engagement begünstigen. Besondere Bedeutung kommt dabei dem von Unternehmen gefördertem Engagement zu, das während der Arbeitszeit vorbereitet und gemeinsam mit Kollegen und Familienmitgliedern durchgeführt wird.

Um die Dynamik und die Leistungspotenziale bürgerschaftlichen Engagements zu erfassen, empfehlen sich exemplarische Beobachtungen in typischen US-amerikanischen Großstädten. Chicago hat sich in der empirischen Sozialforschung als entsprechender Prototyp bewährt. Im urbanen Verdichtungsraum Chicago leben rund 7,5 Mio. Menschen. Die Stadt selbst hat sich seit Ende der 80er Jahre von einer altindustriell geprägten Großstadt mit einer traditionsreichen Engagementkultur zu einer globalen Dienstleistungsmetropole entwickelt. Die Stadt ist sozial und ethnisch segregiert. Vereinfacht beschrieben: Den wohlhabenden „weißen“ Stadtteilen im Norden der Stadt, stehen arme „schwarze“ Stadtviertel im Süden gegenüber; gleichzeitig steigt der Anteil der lateinamerikanischen Bevölkerungsgruppe.

Wenn man die Engagementlandschaft in einer typischen US-amerikanischen Großstadt wie Chicago eingehender betrachtet, sollte man aus einer deutschen Perspektive zunächst bedenken, dass Staat und Kommunen, keine dominante Rolle in der Engagementpolitik spielen. Wichtige Akteure bürgerschaftlichen Engagements sind vielmehr Bürgergruppen, gemeinnützige Organisationen und privatgewerbliche Unternehmen.

Bürger/innen bzw. Bürgergruppen bilden die Basis des Engagements: Als Nachbarn, Eltern, Erwerbstätige, Musiker/innen, Kunstfreunde, Bücherleser/innen, etc. sind Bürger/innen in unterschiedlicher Intensität und Form in bürgerschaftliches Engagement eingebunden. Schulen, Buchläden, Museen, Unternehmen, Nachbarschaften und andere alltägliche Organisationen und Institutionen sind in den USA eben auch effektiv organisierte Orte bürgerschaftlichen Engagements.

Der zweite wichtige Mitspieler in der Engagementpolitik sind gemeinnützige Organisationen. Im Unterschied zur deutschen Diskussion der vergangenen dreißig Jahre ist es interessant zu sehen, dass es sich nicht nur um eine schlichte rhetorische Figur handelt, - getreu dem Motto „Engagement ist uns wichtig, steht in unserer Satzung, pflegen wir und die genauen Zahlen dokumentieren wir regelmäßig in unserer Gesamtstatistik“. In den USA ist Engagement für viele Non-Profit-Organisationen eine relevante Ressource, sei es als Zeit- oder Geldspende. Engagement ist eine Rechnungsgröße bzw. ein fester Bestandteil im Haushaltsplan von Non-Profit-Organisationen.

Jede Non-Profit-Organisation hat zumindest einen Ansprechpartner für alle Engagementangelegenheiten, darüber hinaus verfügen größere Non-Profit-über eigene Organisationseinheiten, deren Aufgabe ausschließlich im Management des Engagements besteht. Somit gibt es in US-amerikanischen Non-Profit-Organisationen in der Regel immer eine Person, die - zumeist professionell - über Engagementmöglichkeiten berät, die die gewünschten Tätigkeiten auf ihre Eignung als Betätigungsfeld für freiwillig Engagierte prüft und den Beteiligten dauerhaft als Ansprechpartner/in zur Verfügung steht. Engagierte sind aber nicht nur als unentgeldlich tätige Mitarbeiter/innen in die Organisation eingebunden, sondern sie verfügen darüber hinaus auch über geregelte Mitentscheidungsmöglichkeiten in den organisationspolitisch relevanten Fragen. Damit haben Engagierte in US-amerikanischen Non-Profit-Organisationen einen ungleich höheren Stellenwert als Ehrenamtliche in deutschen Sozialverbänden, die sich zumeist immer noch mit einer ritualisierten Anerkennung zufrieden geben (müssen).

Seit den 80er Jahren übernehmen Unternehmen in den USA eine wichtige - neue -Rolle in der Engagementförderung. Traten Unternehmen in der Vergangenheit eher als generöse Spender öffentlich in Erscheinung, so betätigten sie sich mittlerweile verstärkt als Förderer des tätigen Engagements ihrer Mitarbeiter/innen, sei es in Schulen, sozialen Brennpunkten oder in Kulturprojekten. Die Förderung des Mitarbeiterengagements erfolgt aus unterschiedlichen unternehmerischen Gründen: Sie leistet vor allem einen Beitrag zur Personalentwicklung und trägt zu einem positiven Image des Unternehmens in der Öffentlichkeit bei. Im tätigen Engagement erwerben Mitarbeiter/innen neue Kompetenzen, etwa im Bereich Führung und Leitung, Teambildung und Projektentwicklung, die von unternehmensrelevanter Bedeutung sein können (vgl. Mutz 2001). Aber auch allein schon ein positives Image kann etwa für Unternehmen, die Konsumprodukte herstellen, von entscheidender marktstrategischer Bedeutung gegenüber Wettbewerbern im gleichen Marktsegment sein. Auch wenn bei der Diskussion über unternehmerische Engagementförderung zunächst die global tätigen Unternehmen im Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit stehen, sollte das aber nicht zu einer Unterschätzung der faktischen Bedeutung kleiner und mittlerer Unternehmen verleiten.

Die Komplexität der unternehmerischen Engagementförderung lässt sich am Beispiel einer marktführenden Baumarktkette illustrieren. In der Regierungszeit von Präsidenten Jimmy Carter verfolgte die Bundesregierung ehrgeizige sozial- und entwicklungspolitische Ziele. Für ihre ambitionierten internationalen und nationalen Hilfsprojekte benötigte sie ressourcenstarke Partner. Konventionelle Regierungsprogramme galten als untauglich, da Geld allein nicht die notwendige Emphase auf Seiten der beteiligen Mitarbeiter/innen garantierte. Durch die Koopation mit Unternehmen erhoffte man sich zusätzliche private Ressourcen (Geld- und Sachmittel) und motivierte freiwillige Mitarbeiter/innen.

Unter dem programmatischen Titel „Habitat for Humanity“ sollten Häuser bzw. Siedlungen für arme Familien in den USA und in ausgewählten Ländern Lateinamerikas gebaut werden. Die Baumarktkette motivierte ihrer Mitarbeiter/innen zum tätigen Engagement und stellte zugleich die Baumaterialien kostenlos bzw. steuerbegünstigt zur Verfügung. Das Mitarbeiterengagement erfolgte in Form von Schulungen („Wie baue ich ein Haus“) für bauwillige Familien, als Anleitung bei den konkreten Baumaßnahmen und durch ergänzende Geldspenden. Ein derartiges unternehmerisches Engagement kann für alle Beteiligten von Vorteil sein: Arme Familien werden zu Hausbesitzern und Baumarktmitarbeiter/innen lernen Projekte zu entwickeln, im Team zu arbeiten, Führungs- und Leitungskompetenzen zu entwickeln und etwas unmittelbar Sinnstiftendes zu tun. Die Baumarktkette wiederum bekommt Zugang zum lokalen Markt, bindet die Mitarbeiter/innen ans Unternehmen und erhält kostengünstige Marketinggelegenheiten. Selbst die Lokalregierung erfährt eine merkliche Entlastung im relativ erfolglosen sozialen Wohnungsbau.

Non-Profit-Organisationen und Unternehmen verkörpern zwei grundlegend unterschiedliche Welten mit eigener Dynamik und Logik. Folglich kommt der Vermittlung zwischen Unternehmens- und Non-Profit-Welt in der Engagementförderung prioritäre Bedeutung zu. In den USA bestehen eigens für diesen Zweck vielerorts professionelle Mittlerorganisationen, wie etwa City Cares (Chicago Cares, New York Cares, ...), und lokale Gliederungen von United Way. Während sich United Way schwerpunktmäßig mit der Spendenaquirierung und  -verteilung befasst, entwickelt, organisiert und evaluiert City Cares geeignete Projekte für das Mitarbeiterengagement von Unternehmen. City Cares und United Way sind im Grunde „Engagementmakler“, die Unternehmen und Non-Profit-Organisationen zusammenführen, Gelegenheiten zum wechselseitigen Lernen schaffen und Engagementprojekte entwickeln, die für beide Seiten von Interesse sind. Die US-amerikanische Kultur begünstigt solche Seitenwechsel: Die Unterschiedlichkeit von Interessen wird nicht als Differenzerfahrung auf Dauer gestellt, sondern zunächst wird gefragt, was zu tun ist, um für alle Beteiligten eine „Win-Win-Situation“, d.h. wechselseitige Vorteile, zu schaffen. So entsteht vor dem Hintergrund der unterschiedlichen Kulturen von Non-Profit-Organisationen und Unternehmen ein fruchtbarer Dialog. In Deutschland hingegen steht, wenn sich Unternehmen bürgerschaftlich engagieren, in der Regel die Vermutung einer vermeindlich einseitigen Vorteilnahme im Vordergrund (vgl. Fischermann 2001).

Unternehmerische Engagementförderung erfolgt in den USA unter spezifischen kulturellen, (sozial-) politischen und wirtschaftlichen Bedingungen. Folglich geht es auch nicht darum, US-amerikanische Modelle auf die deutsche Situation zu übertragen, sondern vielmehr Anregungen für institutionelle Innovationen zu bekommen (vgl. Backhaus-Maul 1999). Bürgerschaftliches Engagement ist in den USA eine „von unten“ gewachsene zivilgesellschaftliche Selbstverständlichkeit. Engagement ist etwas Verbindendes bzw. ein wichtiges Lebenselexier in der heterogenen US-amerikanischen Gesellschaft, die letztlich aus Fremden besteht (vgl. Mutz 1999). Bürgerschaftliches Engagement ist - so die US-amerikanische Erfahrung - nicht qua Direktive „von oben“ zu steuern und zu fördern.

Bürgerschaftliches Engagement verschließt sich vielmehr einer direkten staatlichen Förderung, was - angesichts einer vergleichsweise starken Staatstradition in Deutschland den Umgang mit dem Thema bürgerschaftliches Engagement merklich erschwert. Die kommunale Ebene, aber auch Bund und Länder werden in einer zeitgemäßen Engagementpolitik nicht direkt eingreifen oder steuern können, sondern sollten vielmehr die Kommunikation darüber befördern, was der gesellschaftspolitische Gehalt und das konstitutiv Gemeinsame der Bürgergesellschaft sind sowie günstige infrastrukturelle Rahmenbedingungen für die Selbstentfaltung bürgerschaftlichen Engagements schaffen.

Die sozial integrative Kraft bürgerschaftlichen Engagements bedeutet in den USA, dass es zu sozialen Grenzübertritten zwischen Schichten, Milieus und ethnischen Gruppen kommt. Zwar kommt es in der Regel nicht dazu, dass sich der Multimillionär tätig bei den Ärmsten der Armen engagiert, aber es gibt Grenzüberschreitungen über ein oder zwei Schicht- und Milieugrenzen hinweg. Bürgerschaftliches Engagement trägt somit in einer fragmentierten Gesellschaft von Fremden dazu bei, dass Gemeinsamkeit bzw. ein gewisses Band der mitmenschlichen Sympathie entsteht.

Die deutsche Engagementlandschaft hingegen ist von einer thematischen und organisatorischen Spezialisierung und Fragmentierung geprägt. In den einzelnen Politikfeldern haben wir es mit vertikal gestuften Fachverbänden als „Anwälten“ des Ehrenamtes zu. Diese Spezifizierung und Institutionalisierung des Engagements erschwert die Herausbildung einer gemeinsamen, kollektiv geteilten Vorstellung von bürgerschaftlichem Engagement. So überrascht es nicht, dass sich viele Engagierte als Ehrenamtliche sehen, die ein ihnen vom jeweiligen Fachverband übertragenes Amt ausfüllen wollen. Folglich ist es in dieser Tradition eines parzellierten Engagements auch selten, dass sich ein in einem Kleingartenverein Engagierter mit einem Engagierten in einer Sozialinitiative und einer Engagierten aus einer Ökoinitiative gemeinsam betätigen. Das Schrebergartenmodell der deutschen Engagementlandschaft scheint nach wie vor zu dominieren. Man betont die Differenz des Engagements - begünstigt durch spezifizierte Fördertöpfe - und das Gemeinsame des bürgerschaftlichen Engagement bleibt (außerhalb Baden-Württembergs) merkwürdig konturenlos. Damit steht in der deutschen Engagementdebatte die gesellschaftspolitische Frage, was das Gemeinsame - das Bürgerschaftliche - des Engagements ist, im Mittelpunkt.

Besondere Aufmerksamkeit verdient in diesem Zusammenhang der Aufbau von Mittlerorganisationen, die Bürgergruppen, Non-Profit-Organisationen und Unternehmen zusammenbringen. Das weitgehende Fehlen von professionellen Mittlerorganisationen, die zwischen Organisationswelten und Spezialinteressen „Brücken bauen“, ist ein entscheidendes Nadelöhr für eine zukunftsorientierte Engagementpolitik in Deutschland.

Vor dem Hintergrund der eingelebten kulturellen Selbstverständlichkeit bürgerschaftlichen Engagements in den USA ist es für die deutsche Diskussion prioritär, relevante gesellschaftliche Institutionen in den Bereichen Politik, Verwaltung, Bildung, Erziehung und Soziales für bürgerschaftliches Engagement zu öffnen. Die US-amerikanische Situation macht deutlich, dass Schulen hierbei eine Schlüsselposition innehaben: Schule als sozialer Lernort bedeutet, sich diesem Engagement gegenüber zu öffnen und sich inspirieren zu lassen sowie den Beteiligten Gestaltungsmöglichkeiten zu eröffnen. Es geht also institutionenpolitisch nicht darum, etwas Zusätzliches einzuführen, sondern bestehende etablierte Institutionen zu öffnen. Hierbei handelt es sich um eine nicht zu unterschätzende politische Herausforderung, da Macht zugunsten von Bürgern geteilt werden soll und es vielfältige strategische Möglichkeiten gibt, um ein derartiges Unterfangen hinauszuzögern oder sogar zu vereiteln.

 

Literatur:

Backhaus-Maul, Holger (Hrsg.) 1999, Von der Sozialhilfe in die Erwerbsarbeit. Die Welfare Reform in den USA als Vorbild?, Frankfurt.
Backhaus-Maul, Holger 1999, Bürgerschaftliches Engagement und gesellschaftliche Solidarität. Über deutsche Eigenarten und US-amerikanische Innovationen, in: Neue Praxis 29, 4, S. 337-340.
Backhaus-Maul, Holger 2001, Erwerbsarbeit und unternehmerisches bürgerschaftliches Engagement in den USA. Expertise für die Enquete-Kommission „Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements“ des Deutschen Bundestages, Berlin.
Fischermann, Thomas 2001, Strategische Nächstenliebe. Die Ethikbranche wächst: Konzerne kaufen sich einen guten Ruf bei Kunden und Politikern, in: DIE ZEIT, Nr. 23, 31.5.2001, S. 21-22.
Independent Sector 1999, Giving and Volunteering in the United Staates, Executive Summary, Washington DC.
Mutz, Gerd 1999, Das Ende der Treck-Kultur, in: Ulrich Beck (Hrsg.), Schöne neue Arbeitswelt, Frankfurt/New York, S. 190-207.
Mutz, Gerd 2001, Der souveräne Arbeitsgestalter in der zivilen Arbeitsgesellschaft, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, Heft 21, S. 14-23.
Putnam, Robert D. 2000, Bowling Alone. The Collapse and Revival of American Community, New York/London/Toronto/Sydney/Singapore.
Walzer, Michael 1996, Zivile Gesellschaft und amerikanische Demokratie, Frankfurt.

 

Angaben zur Person

Holger Backhaus-Maul, Soziologe und Verwaltungswissenschaftler, Studium in Bielefeld (1981-1986) und Speyer (1987-1988), wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für Sozialpolitik an der Universität Bremen, Abteilung „Theorie und Verfassung des Wohlfahrtsstaates“ (1989-1994), seit 1995 wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Fachbereich Erziehungswissenschaften, Fachgebiet „Recht, Verwaltung und Organisation“. Auswahlbibliographie: Regionalisierte Wirtschaftsförderung (Baden-Baden 1991, zs. mit J.J. Hesse, A. Benz, A. Benz); Von Subsidiarität zu 'outcontracting'. Zum Wandel der Beziehungen zwischen Staat und Wohlfahrtsverbänden in der Sozialpolitik (Köln 1995, zs. mit T. Olk); Überholen ohne einzuholen. Aufbau der Freien Wohlfahrtspflege in Ostdeutschland (Opladen 1998, zs. mit S. Angerhausen, C. Offe, T. Olk, M. Schiebel); Von der Sozialhilfe in die Erwerbsarbeit. Die „Welfare Reform“ in den USA, (Frankfurt 1999, Hrsg.); Erwerbsarbeit und unternehmerisches bürgerschaftliches Engagement in den USA. Expertise für die Enquete-Kommission „Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements“ des Deutschen Bundestages (Berlin 2001); Bürgerschaftliches Engagement in Ostdeutschland (Opladen 2001, zs. mit O. Ebert, G. Jakob, T. Olk).

 

Adresse:

Holger Backhaus-Maul, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Fachbereich Erziehungswissenschaften, Franckeplatz 1, 06110 Halle, Tel.: 0345-5523821; Fax: 0345-5527284; backhaus-maul@paedagogik.uni-halle.de

 

Beitrag veröffentlicht in:

Schuster, Wolfgang; Dettling, Warnfried (Hrsg.): Zukunft Stadt. Die Stunde der Bürger in Zeiten der Globalisierung, Stuttgart / Leipzig 2001, Verlag Hohenheim, S. 203-213.


1 Erscheint in: Schuster, Wolfgang; Dettling, Warnfried (Hrsg.) 2001, Zukunft Stadt. Die Stunde der Bürger in Zeiten der Globalisierung, Stuttgart: Verlag Hohenheim.