Die neue Rollen von Unternehmen in der Engagementförderung
Bürgerschaftliches
Engagement ist in den USA eine kulturelle
Selbstverständlichkeit. Kein Wunder - werden Kritiker/innen einwenden, denn
ohne Wohlfahrsstaat und umfassende soziale Sicherung ist bürgerschaftliches
Engagement in den USA eine unabdingbare soziale Notwendigkeit. Diese kritische
Einschätzung greift aber zu kurz, denn bürgerschaftliches Engagement ist in
den USA kein staatlicher Ausfallbürge, sondern in erster Linie Ausdruck des bürgerschaftlichen
Anspruches auf Selbstbestimmung und -betätigung.
Die grundlegend
unterschiedlichen gesellschaftlichen und vor allem wohlfahrtsstaatlichen
Traditionen in den USA und Deutschland setzen einer Vergleichbarkeit und Übertragbarkeit
von Modellen und Ideen deutliche Grenzen, gleichwohl zeichnen sich in den USA
seit den 90er Jahren die Konturen einer neuen - globalen - Rolle von Unternehmen
in der Engagementförderung ab.
Was bedeutet bürgerschaftliches
Engagement in den USA? Zur Beantwortung dieser Frage ist es wichtig, sich zu
vergegenwärtigen, dass wir es mit einer liberalen Gesellschaft zu tun haben,
die den Wert der individuellen Freiheit
höher als den der gesellschaftlichen
Solidarität bewertet. Individuelle Verantwortung wird folglich der Vorzug
gegenüber öffentlicher Daseinsvorsorge gegeben. Das heißt auch, dass im Falle
individuellen Scheiterns die persönliche Schuld des Betroffenen hervorgehoben
wird („blame the victim“), gleichzeitig aber erzeugt die liberale
Risikogesellschaft in Kenntnis dessen, dass soziale Risiken jeden treffen können,
eben auch Mitgefühl und Hilfsbereitschaft.
Unter diesen
gesellschaftspolitischen Bedingungen obliegt den Bürgern ein hohes Maß an Eigenverantwortung
in Fragen ihrer sozialen Absicherung, während die Erwartungen an den Staat
in diesem Punkt ausgesprochen gering sind. Seit einigen Jahren richtet sich in
den USA die öffentliche Aufmerksamkeit in sozialen Angelegenheiten stärker auf
Unternehmen. Das öffentlich vorgetragene Argument, Unternehmen hätten unter
den sehr günstigen politischen und wirtschaftlichen Bedingungen der letzten
zehn Jahre in den USA beachtliche wirtschaftliche Erfolge erzielt, gibt Anlass
zu der Forderung, dass sie der Gesellschaft, die diese Erfolge mit ermöglicht
hat, etwas zurückgeben sollten. Wirtschaftlich erfolgreiche Unternehmen sind
eben auch „Corporate Citizen“ -
so die politische Kurzformel, die vom Recht auf freie unternehmerische Betätigung
profitiert hätten, und nun ihren gesellschaftlichen Pflichten nachkommen
sollten („giving back“).
Bürgerschaftliches Engagement
ist in den USA ein integraler Bestandteil der Gesellschaft (vgl. Putnam 2000).
Historisch betrachtet ist Engagement originär religiös begründet. Die Kirchen
waren - in ihrer Pluralität - eine wichtige Institution bürgerschaftlichen
Engagements. Es gibt aber auch in den USA seit Ende des 19. Jahrhunderts neben
dem religiös motivierten Engagement
ein zivilgesellschaftliches Engagement.
Die Vorstellung einer Civil Society gründet in den Aktivitäten europäischer
Auswanderer, die sich auf der Flucht vor absolutistischen Herrschern und auf der
Suche nach individueller - vor allem religiöser - Freiheit befanden. Der
assoziative Zusammenschluss freier Bürger/innen mit geteilten Wertvorstellungen
und einer expliziten Gemeinwohlorientierung ist Ausdruck dieses bürgerschaftlichen
Engagements von „unten“ (vgl. Walzer 1996).
Die Potenziale bürgerschaftlichen
Engagements werden in den USA von Beratungs-und Forschungseinrichtungen, wie
etwa „Independent Sector“ und der „Points of Light Foundation“, seit
Jahren empirisch untersucht. Bezogen auf das Jahr 1998 wird etwa festgestellt
(vgl. zum Folgenden Independent Sector 1999), dass 56 %
aller über 18-jährigen Amerikaner und Amerikanerinnen bürgerschaftlich
engagiert sind. In einer geschlechtsspezifischen Perspektive betrachtet
leisten zirka 62 % aller Frauen und 49 % aller Männer bürgerschaftliches
Engagement. Unter Altersgesichtspunkten ist hervorzuheben, dass rund 43 %
aller über 75-Jährigen bürgerschaftlich aktiv sind. Und von den Engagierten
wiederum sind 41 % gelegentlich und 39 % regelmäßig engagiert. Als Kerngruppen
des Engagements sind in den USA erstens Familien mit schulpflichtigen
Kindern, zweitens Erwerbstätige, die über ein überdurchnittliches Maß an
Arbeitszeitflexibilität verfügen sowie ältere, nicht mehr erwerbstätige
Menschen hervorzuheben. Es sind in der Regel Familien, bei denen beide Partner
erwerbstätig sind, die die Kerngruppe des bürgerschaftlichen Engagements
bilden. Betrachtet man die beiden wichtigen Formen des Engagements, d.h. Geld-
und Zeitspenden, so fällt auf, dass diejenigen Privathaushalte, die tätiges
Engagement leisten, gemessen am Bevölkerungsdurchschnitt zugleich das 2,5fache
spenden: Aktives Engagement und Spendenzahlungen verstärken sich gegenseitig.
In den USA gibt es eine Kultur
des Engagements: Es ist etwas Selbstverständliches, über dass man eigentlich
gar nicht reden muss. Wenn man ins Museum für moderne Kunst geht oder sein Kind
einschult, so ist es selbstverständlich, dass man zugleich sein
Engagementpotenzial einbringt. Und bei Bewerbungsgesprächen in Schulen, aber
auch in Universitäten, wird sehr wohl darauf geachtet, welches
Engagementpotenzial Bewerber/innen mitbringen. Neben Noten sowie Schul- und
Studiengebühren ist es gerade dieses Engagementpotenzial, was Bewerber/innen
besonders interessant macht.
In den USA gibt es aber auch
zahlreiche Faktoren, die bürgerschaftliches Engagement erleichtern und begünstigen.
So können Familien bei doppelter Erwerbstätigkeit wichtige Träger des
Engagements sein, da es entsprechende haushaltsbezogene Dienstleistungsangebote
gibt, die Privathaushalte entlasten. Darüber hinaus sind Ganztagsschulen und
eine umfassende Kleinkinderbetreuung eine Selbstverständlichkeit. Allessamt
Standards wirtschaftlich erfolgreicher Gesellschaften, von denen Deutschland
auch nach einer über dreißigjährigen öffentlicher Diskussion immer noch
meilenweit entfernt ist. Die Möglichkeiten für Privathaushalte,
Dienstleistungen einkaufen zu können, eröffnet ihnen wiederum neue Optionen,
sich bürgerschaftlich zu engagieren. Das Wechselverhältnis
zwischen einem bedarfsorientierten Angebot an haushaltsbezogenen
Dienstleistungen und bürgerschaftlichem Engagement ist der Schlüssel zum
Verständnis des hohen Engagementniveaus in den USA (vgl. zum Folgenden
Backhaus-Maul 2001). Wenn es also das erklärte politische Ziel in Deutschland
werden sollte, bürgerschaftliches Engagement zu fördern, so müßten
Gelegenheiten geschaffen werden, die eine Vereinbarkeit von Erwerbstätigkeit,
Familienleben und Engagement begünstigen. Besondere Bedeutung kommt dabei dem
von Unternehmen gefördertem Engagement zu, das während der Arbeitszeit
vorbereitet und gemeinsam mit Kollegen und Familienmitgliedern durchgeführt
wird.
Um die Dynamik und die
Leistungspotenziale bürgerschaftlichen Engagements zu erfassen, empfehlen sich
exemplarische Beobachtungen in typischen US-amerikanischen Großstädten. Chicago
hat sich in der empirischen Sozialforschung als entsprechender Prototyp bewährt.
Im urbanen Verdichtungsraum Chicago leben rund 7,5 Mio. Menschen. Die Stadt
selbst hat sich seit Ende der 80er Jahre von einer altindustriell geprägten Großstadt
mit einer traditionsreichen Engagementkultur zu einer globalen
Dienstleistungsmetropole entwickelt. Die Stadt ist sozial und ethnisch
segregiert. Vereinfacht beschrieben: Den wohlhabenden „weißen“ Stadtteilen
im Norden der Stadt, stehen arme „schwarze“ Stadtviertel im Süden gegenüber;
gleichzeitig steigt der Anteil der lateinamerikanischen Bevölkerungsgruppe.
Wenn man die
Engagementlandschaft in einer typischen US-amerikanischen Großstadt wie Chicago
eingehender betrachtet, sollte man aus einer deutschen Perspektive zunächst
bedenken, dass Staat und Kommunen, keine dominante Rolle in der
Engagementpolitik spielen. Wichtige Akteure bürgerschaftlichen Engagements sind
vielmehr Bürgergruppen, gemeinnützige Organisationen und privatgewerbliche
Unternehmen.
Bürger/innen
bzw. Bürgergruppen bilden die Basis des
Engagements: Als Nachbarn, Eltern, Erwerbstätige, Musiker/innen, Kunstfreunde,
Bücherleser/innen, etc. sind Bürger/innen in unterschiedlicher Intensität und
Form in bürgerschaftliches Engagement eingebunden. Schulen, Buchläden, Museen,
Unternehmen, Nachbarschaften und andere alltägliche Organisationen und
Institutionen sind in den USA eben auch effektiv organisierte Orte bürgerschaftlichen
Engagements.
Der zweite wichtige Mitspieler
in der Engagementpolitik sind gemeinnützige
Organisationen. Im Unterschied zur deutschen Diskussion der vergangenen dreißig
Jahre ist es interessant zu sehen, dass es sich nicht nur um eine schlichte
rhetorische Figur handelt, - getreu dem Motto „Engagement ist uns wichtig,
steht in unserer Satzung, pflegen wir und die genauen Zahlen dokumentieren wir
regelmäßig in unserer Gesamtstatistik“. In den USA ist Engagement für viele
Non-Profit-Organisationen eine relevante Ressource, sei es als Zeit- oder
Geldspende. Engagement ist eine Rechnungsgröße bzw. ein fester Bestandteil im
Haushaltsplan von Non-Profit-Organisationen.
Jede Non-Profit-Organisation
hat zumindest einen Ansprechpartner für alle Engagementangelegenheiten, darüber
hinaus verfügen größere Non-Profit-über eigene Organisationseinheiten, deren
Aufgabe ausschließlich im Management des
Engagements besteht. Somit gibt es in US-amerikanischen
Non-Profit-Organisationen in der Regel immer eine Person, die - zumeist
professionell - über Engagementmöglichkeiten berät, die die gewünschten Tätigkeiten
auf ihre Eignung als Betätigungsfeld für freiwillig Engagierte prüft und den
Beteiligten dauerhaft als Ansprechpartner/in zur Verfügung steht. Engagierte
sind aber nicht nur als unentgeldlich tätige Mitarbeiter/innen in die
Organisation eingebunden, sondern sie verfügen darüber hinaus auch über
geregelte Mitentscheidungsmöglichkeiten in den organisationspolitisch
relevanten Fragen. Damit haben Engagierte in US-amerikanischen
Non-Profit-Organisationen einen ungleich höheren Stellenwert als Ehrenamtliche
in deutschen Sozialverbänden, die sich zumeist immer noch mit einer
ritualisierten Anerkennung zufrieden geben (müssen).
Seit den 80er Jahren übernehmen
Unternehmen in den USA eine wichtige
- neue -Rolle in der Engagementförderung. Traten Unternehmen in der
Vergangenheit eher als generöse Spender öffentlich in Erscheinung, so betätigten
sie sich mittlerweile verstärkt als Förderer des tätigen Engagements ihrer
Mitarbeiter/innen, sei es in Schulen, sozialen Brennpunkten oder in
Kulturprojekten. Die Förderung des Mitarbeiterengagements erfolgt aus
unterschiedlichen unternehmerischen Gründen: Sie leistet vor allem einen
Beitrag zur Personalentwicklung und trägt zu einem positiven Image des
Unternehmens in der Öffentlichkeit bei. Im tätigen Engagement erwerben
Mitarbeiter/innen neue Kompetenzen, etwa im Bereich Führung und Leitung,
Teambildung und Projektentwicklung, die von unternehmensrelevanter Bedeutung
sein können (vgl. Mutz 2001). Aber auch allein schon ein positives Image kann
etwa für Unternehmen, die Konsumprodukte herstellen, von entscheidender
marktstrategischer Bedeutung gegenüber Wettbewerbern im gleichen Marktsegment
sein. Auch wenn bei der Diskussion über unternehmerische Engagementförderung
zunächst die global tätigen Unternehmen im Mittelpunkt der öffentlichen
Aufmerksamkeit stehen, sollte das aber nicht zu einer Unterschätzung der
faktischen Bedeutung kleiner und mittlerer Unternehmen verleiten.
Die Komplexität der
unternehmerischen Engagementförderung lässt sich am Beispiel einer marktführenden
Baumarktkette illustrieren. In der Regierungszeit von Präsidenten Jimmy Carter
verfolgte die Bundesregierung ehrgeizige sozial- und entwicklungspolitische
Ziele. Für ihre ambitionierten internationalen und nationalen Hilfsprojekte benötigte
sie ressourcenstarke Partner. Konventionelle Regierungsprogramme galten als
untauglich, da Geld allein nicht die notwendige Emphase auf Seiten der
beteiligen Mitarbeiter/innen garantierte. Durch die Koopation mit Unternehmen
erhoffte man sich zusätzliche private Ressourcen (Geld- und Sachmittel) und
motivierte freiwillige Mitarbeiter/innen.
Unter dem programmatischen
Titel „Habitat for Humanity“
sollten Häuser bzw. Siedlungen für arme Familien in den USA und in ausgewählten
Ländern Lateinamerikas gebaut werden. Die Baumarktkette motivierte ihrer
Mitarbeiter/innen zum tätigen Engagement und stellte zugleich die
Baumaterialien kostenlos bzw. steuerbegünstigt zur Verfügung. Das
Mitarbeiterengagement erfolgte in Form von Schulungen („Wie baue ich ein
Haus“) für bauwillige Familien, als Anleitung bei den konkreten Baumaßnahmen
und durch ergänzende Geldspenden. Ein derartiges unternehmerisches Engagement
kann für alle Beteiligten von Vorteil sein: Arme Familien werden zu
Hausbesitzern und Baumarktmitarbeiter/innen lernen Projekte zu entwickeln, im
Team zu arbeiten, Führungs- und Leitungskompetenzen zu entwickeln und etwas
unmittelbar Sinnstiftendes zu tun. Die Baumarktkette wiederum bekommt Zugang zum
lokalen Markt, bindet die Mitarbeiter/innen ans Unternehmen und erhält kostengünstige
Marketinggelegenheiten. Selbst die Lokalregierung erfährt eine merkliche
Entlastung im relativ erfolglosen sozialen Wohnungsbau.
Non-Profit-Organisationen und
Unternehmen verkörpern zwei grundlegend unterschiedliche Welten mit eigener
Dynamik und Logik. Folglich kommt der Vermittlung
zwischen Unternehmens- und Non-Profit-Welt in der Engagementförderung
prioritäre Bedeutung zu. In den USA bestehen eigens für diesen Zweck
vielerorts professionelle Mittlerorganisationen, wie etwa City Cares (Chicago
Cares, New York Cares, ...), und lokale Gliederungen von United Way. Während
sich United Way schwerpunktmäßig mit der Spendenaquirierung und -verteilung befasst, entwickelt, organisiert und evaluiert
City Cares geeignete Projekte für das Mitarbeiterengagement von Unternehmen.
City Cares und United Way sind im Grunde „Engagementmakler“,
die Unternehmen und Non-Profit-Organisationen zusammenführen, Gelegenheiten zum
wechselseitigen Lernen schaffen und Engagementprojekte entwickeln, die für
beide Seiten von Interesse sind. Die US-amerikanische Kultur begünstigt solche
Seitenwechsel: Die Unterschiedlichkeit von Interessen wird nicht als
Differenzerfahrung auf Dauer gestellt, sondern zunächst wird gefragt, was zu
tun ist, um für alle Beteiligten eine „Win-Win-Situation“, d.h.
wechselseitige Vorteile, zu schaffen. So entsteht vor dem Hintergrund der
unterschiedlichen Kulturen von Non-Profit-Organisationen und Unternehmen ein
fruchtbarer Dialog. In Deutschland hingegen steht, wenn sich Unternehmen bürgerschaftlich
engagieren, in der Regel die Vermutung einer vermeindlich einseitigen
Vorteilnahme im Vordergrund (vgl. Fischermann 2001).
Unternehmerische Engagementförderung
erfolgt in den USA unter spezifischen kulturellen, (sozial-) politischen und
wirtschaftlichen Bedingungen. Folglich geht es auch nicht darum,
US-amerikanische Modelle auf die deutsche Situation zu übertragen, sondern
vielmehr Anregungen für institutionelle Innovationen zu bekommen (vgl.
Backhaus-Maul 1999). Bürgerschaftliches Engagement ist in den USA eine „von
unten“ gewachsene zivilgesellschaftliche Selbstverständlichkeit.
Engagement ist etwas Verbindendes bzw. ein wichtiges Lebenselexier in der
heterogenen US-amerikanischen Gesellschaft, die letztlich aus Fremden besteht
(vgl. Mutz 1999). Bürgerschaftliches Engagement ist - so die US-amerikanische
Erfahrung - nicht qua Direktive „von oben“ zu steuern und zu fördern.
Bürgerschaftliches Engagement
verschließt sich vielmehr einer direkten staatlichen Förderung, was -
angesichts einer vergleichsweise starken Staatstradition in Deutschland den
Umgang mit dem Thema bürgerschaftliches Engagement merklich erschwert. Die
kommunale Ebene, aber auch Bund und Länder werden in einer zeitgemäßen
Engagementpolitik nicht direkt eingreifen oder steuern können, sondern sollten
vielmehr die Kommunikation darüber befördern, was der gesellschaftspolitische
Gehalt und das konstitutiv Gemeinsame der Bürgergesellschaft sind sowie günstige
infrastrukturelle Rahmenbedingungen für die Selbstentfaltung bürgerschaftlichen
Engagements schaffen.
Die sozial integrative Kraft bürgerschaftlichen
Engagements bedeutet in den USA, dass es zu sozialen
Grenzübertritten zwischen Schichten, Milieus und ethnischen Gruppen kommt.
Zwar kommt es in der Regel nicht dazu, dass sich der Multimillionär tätig bei
den Ärmsten der Armen engagiert, aber es gibt Grenzüberschreitungen über ein
oder zwei Schicht- und Milieugrenzen hinweg. Bürgerschaftliches Engagement trägt
somit in einer fragmentierten Gesellschaft von Fremden dazu bei, dass
Gemeinsamkeit bzw. ein gewisses Band der mitmenschlichen Sympathie entsteht.
Die deutsche
Engagementlandschaft hingegen ist von einer thematischen und organisatorischen Spezialisierung
und Fragmentierung geprägt. In den einzelnen Politikfeldern haben wir es
mit vertikal gestuften Fachverbänden als „Anwälten“ des Ehrenamtes zu.
Diese Spezifizierung und Institutionalisierung des Engagements erschwert die
Herausbildung einer gemeinsamen, kollektiv geteilten Vorstellung von bürgerschaftlichem
Engagement. So überrascht es nicht, dass sich viele Engagierte als
Ehrenamtliche sehen, die ein ihnen vom jeweiligen Fachverband übertragenes Amt
ausfüllen wollen. Folglich ist es in dieser Tradition eines parzellierten
Engagements auch selten, dass sich ein in einem Kleingartenverein Engagierter
mit einem Engagierten in einer Sozialinitiative und einer Engagierten aus einer
Ökoinitiative gemeinsam betätigen. Das Schrebergartenmodell
der deutschen Engagementlandschaft scheint nach wie vor zu dominieren. Man
betont die Differenz des Engagements - begünstigt durch spezifizierte Fördertöpfe
- und das Gemeinsame des bürgerschaftlichen Engagement bleibt (außerhalb
Baden-Württembergs) merkwürdig konturenlos. Damit steht in der deutschen
Engagementdebatte die gesellschaftspolitische Frage, was das
Gemeinsame - das Bürgerschaftliche - des Engagements ist, im Mittelpunkt.
Besondere Aufmerksamkeit
verdient in diesem Zusammenhang der Aufbau von Mittlerorganisationen, die Bürgergruppen,
Non-Profit-Organisationen und Unternehmen zusammenbringen. Das weitgehende
Fehlen von professionellen Mittlerorganisationen, die zwischen
Organisationswelten und Spezialinteressen „Brücken bauen“, ist ein
entscheidendes Nadelöhr für eine zukunftsorientierte Engagementpolitik in
Deutschland.
Vor dem Hintergrund der
eingelebten kulturellen Selbstverständlichkeit bürgerschaftlichen Engagements
in den USA ist es für die deutsche Diskussion prioritär, relevante gesellschaftliche Institutionen in den Bereichen Politik,
Verwaltung, Bildung, Erziehung und Soziales für bürgerschaftliches Engagement
zu öffnen. Die US-amerikanische Situation macht deutlich, dass Schulen
hierbei eine Schlüsselposition innehaben: Schule als sozialer Lernort bedeutet,
sich diesem Engagement gegenüber zu öffnen und sich inspirieren zu lassen
sowie den Beteiligten Gestaltungsmöglichkeiten zu eröffnen. Es geht also
institutionenpolitisch nicht darum, etwas Zusätzliches einzuführen, sondern
bestehende etablierte Institutionen zu öffnen. Hierbei handelt es sich um eine
nicht zu unterschätzende politische Herausforderung, da Macht zugunsten von Bürgern
geteilt werden soll und es vielfältige strategische Möglichkeiten gibt, um ein
derartiges Unterfangen hinauszuzögern oder sogar zu vereiteln.
Literatur:
Backhaus-Maul, Holger (Hrsg.)
1999, Von der Sozialhilfe in die Erwerbsarbeit. Die Welfare Reform in den USA
als Vorbild?, Frankfurt.
Backhaus-Maul, Holger 1999, Bürgerschaftliches
Engagement und gesellschaftliche Solidarität. Über deutsche Eigenarten und
US-amerikanische Innovationen, in: Neue Praxis 29, 4, S. 337-340.
Backhaus-Maul, Holger 2001, Erwerbsarbeit und unternehmerisches bürgerschaftliches
Engagement in den USA. Expertise für die Enquete-Kommission „Zukunft des Bürgerschaftlichen
Engagements“ des Deutschen Bundestages, Berlin.
Fischermann, Thomas 2001, Strategische Nächstenliebe. Die Ethikbranche wächst:
Konzerne kaufen sich einen guten Ruf bei Kunden und Politikern, in: DIE ZEIT,
Nr. 23, 31.5.2001, S. 21-22.
Independent
Sector 1999, Giving and Volunteering in the United Staates, Executive Summary,
Washington DC.
Mutz, Gerd 1999, Das Ende der
Treck-Kultur, in: Ulrich Beck (Hrsg.), Schöne neue Arbeitswelt, Frankfurt/New
York, S. 190-207.
Mutz, Gerd 2001, Der souveräne Arbeitsgestalter in der zivilen
Arbeitsgesellschaft, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, Heft 21, S. 14-23.
Putnam,
Robert D. 2000, Bowling Alone. The Collapse and Revival of American Community,
New York/London/Toronto/Sydney/Singapore.
Walzer, Michael 1996, Zivile Gesellschaft und amerikanische Demokratie,
Frankfurt.
Angaben
zur Person
Holger Backhaus-Maul, Soziologe
und Verwaltungswissenschaftler, Studium in Bielefeld (1981-1986) und Speyer
(1987-1988), wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für Sozialpolitik an der
Universität Bremen, Abteilung „Theorie und Verfassung des
Wohlfahrtsstaates“ (1989-1994), seit 1995 wissenschaftlicher Mitarbeiter an
der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Fachbereich
Erziehungswissenschaften, Fachgebiet „Recht, Verwaltung und Organisation“.
Auswahlbibliographie: Regionalisierte Wirtschaftsförderung (Baden-Baden 1991,
zs. mit J.J. Hesse, A. Benz, A. Benz); Von Subsidiarität zu 'outcontracting'.
Zum Wandel der Beziehungen zwischen Staat und Wohlfahrtsverbänden in der
Sozialpolitik (Köln 1995, zs. mit T. Olk); Überholen ohne einzuholen. Aufbau
der Freien Wohlfahrtspflege in Ostdeutschland (Opladen 1998, zs. mit S.
Angerhausen, C. Offe, T. Olk, M. Schiebel); Von der Sozialhilfe in die
Erwerbsarbeit. Die „Welfare Reform“ in den USA, (Frankfurt 1999, Hrsg.);
Erwerbsarbeit und unternehmerisches bürgerschaftliches Engagement in den USA.
Expertise für die Enquete-Kommission „Zukunft des Bürgerschaftlichen
Engagements“ des Deutschen Bundestages (Berlin 2001); Bürgerschaftliches
Engagement in Ostdeutschland (Opladen 2001, zs. mit O. Ebert, G. Jakob, T. Olk).
Adresse:
Holger Backhaus-Maul,
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Fachbereich
Erziehungswissenschaften, Franckeplatz 1, 06110 Halle, Tel.: 0345-5523821; Fax:
0345-5527284; backhaus-maul@paedagogik.uni-halle.de
Beitrag
veröffentlicht in:
Schuster, Wolfgang; Dettling,
Warnfried (Hrsg.): Zukunft Stadt. Die Stunde der Bürger in Zeiten der
Globalisierung, Stuttgart / Leipzig 2001, Verlag Hohenheim, S. 203-213.
1 Erscheint in: Schuster, Wolfgang; Dettling, Warnfried (Hrsg.) 2001, Zukunft Stadt. Die Stunde der Bürger in Zeiten der Globalisierung, Stuttgart: Verlag Hohenheim.