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Die Bedeutung des bürgerschaftlichen Engagements für die Integration von Zuwanderinnen und Zuwanderern

Prof. Dr. Thomas Olk

 

Das Thema, über das ich heute hier mit Ihnen diskutieren möchte, versteht sich keineswegs von selbst. Man könnte einwenden, dass Integration – in diesem Falle von Migrantinnen und Migranten – eher etwas mit Arbeitsplätzen, mit Qualifizierungschancen und mit politischen Rechten und Einflussmöglichkeiten zu tun hat als mit dem freiwilligen und unentgeltlichen Engagement von Menschen. Umgekehrt könnte man vermuten, dass bürgerschaftliches Engagement in erster Linie etwas für Menschen ist, die bereits in hohem Maße in eine gegebene Gesellschaft integriert sind. Setzt bürgerschaftliches Engagement nicht bereits das Gefühl und den Sachverhalt der Zugehörigkeit zu einer Gesellschaft voraus? Bevor ich diesen Fragen und Problemen nachgehe, möchte ich kurz erwähnen, vor welchem Hintergrund ich mich mit dieser Themenstellung beschäftige, was also mein eigener Zugang zu dieser Thematik ist. Als Wissenschaftler beschäftige ich mich mit den Themen Ehrenamt, Selbsthilfe und Engagement bereits seit etwa Mitte der 80er Jahre. Dies ist keineswegs selbstverständlich, denn das freiwillige Engagement stand in der deutschen Öffentlichkeit über viele Jahrzehnte keineswegs im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. Fragen der wirtschaftlichen Entwicklung und der Verbesserung der materiellen Lebensstandards, Fragen der Ausweitung sozialstaatlicher Leistungsprogramme und der Professionalisierung sozialer Tätigkeiten und Berufe standen vielmehr bis vor kurzer Zeit im Mittelpunkt. Erst als allmählich die Einsicht wuchs, dass der soziale Zusammenhalt moderner Gesellschaften – und zu denen gehört zweifellos die Bundesrepublik Deutschland – durch wirtschaftliches Handeln auf Märkten einerseits und das Handeln von Politik und staatlichen Bürokratien andererseits allein nicht gewährleistet werden kann, wuchs allmählich auch das öffentliche Interesse an den vielfältigen Formen des freiwilligen bzw. bürgerschaftlichen Engagements. In diesem Rahmen hat man auch die enorme gesellschaftliche Bedeutung von Selbsthilfegruppen, Vereinigungen und Verbänden sowie Stiftungen für das soziale Zusammenleben „wiederentdeckt“. Ich selbst bin Vorstandsvorsitzender einer solchen Stiftung, nämlich der Stiftung „Bürger für Bürger“, die übrigens im Vorraum an einem entsprechenden Tisch ihre Materialien und Angebote vorstellt. Die Stiftung Bürger für Bürger ist eine bundesweite operative Stiftung, die sich in verschiedenen Projekten und Initiativen für die Weiterentwicklung der Bürgergesellschaft, für die Förderung des bürgerschaftlichen Engagements und damit für die Weiterentwicklung unseres Gemeinwesens einsetzt. Ein Beispiel für dieses Engagement ist unser News-Letter „Im Gespräch“, in dem wir über aktuelle Entwicklungen und Projekte des bürgerschaftlichen Engagements berichten. Ein anderes Beispiel ist das Projekt „Spätaussiedler und bürgerschaftliches Engagement“, das dankenswerterweise vom Bundesinnenministerium finanziell gefördert wird, und es sich zur Aufgabe gemacht hat, auf regionaler Ebene durch entsprechende Veranstaltungen und Aktivitäten in Kooperation mit jeweils vorhandenen Institutionen und Zusammenschlüssen das Thema Engagement von Migrantinnen und Migranten voranzubringen, neue Kontakte zu stiften und Projekte einzuregen. Darüber hinaus war ich sachverständiges Mitglied der Enquete-Kommission des Deutschen Bundestags „Zukunft des bürgerschaftlichen Engagements“, die in der letzten Legislaturperiode von 1999 bis 2002 in unzähligen Arbeitssitzungen sowohl eine Bestandsaufnahme der unterschiedlichen Formen und Rahmenbedingungen bürgerschaftlichen Engagements erarbeitet und vor allem auch politische Empfehlungen für die Verbesserung dieser Rahmenbedingungen vorgelegt hat. Sowohl der Endbericht der Enquete-Kommission als auch zahlreiche Materialbände mit Expertisen und Kurzbeiträgen sind beim Verlag Leske und Budrich der Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden.

Insgesamt können wir heute feststellen, dass durch das Internationale Jahr der Freiwilligen im Jahre 2002 und die Arbeit der Enquete-Kommission das Thema „Bürgerschaftliches Engagement“ einen ganz beträchtlichen Bedeutungsaufschwung in der öffentlichen Debatte genommen hat und auch auf der politische Ebene zunehmend als ein wichtiges Thema für politisches Handeln akzeptiert und angenommen wird. Zur Zeit beschäftigt sich ein Unterausschuss des Familienausschusses des Deutschen Bundestags mit der Umsetzung der vielen Empfehlungen der Enquete-Kommission in den verschiedenen Politikbereichen.

In meinen folgenden Ausführungen lass ich mich nun von dem umfassenden Verständnis zum bürgerschaftlichen Engagement leiten, wie er in den Bericht der Enquete-Kommission präsentiert wird.  Bürgerschaftliches Engagement meint nicht nur das „klassische Ehrenamt“, wie wir es in den etablierten Vereinen und Organisationen des sogenannten Non-profit-Bereichs kennen. Vielmehr hat bürgerschaftliches Engagement – wie wir in der Enquete-Kommission gesagt haben – „viele Gesichter“: Hierzu gehört ein breites Spektrum unterschiedlicher Ausdrucksformen eines freiwilligen, unentgeltlichen und gemeinwohlorientierten Engagements und umfasst Formen wie die Teilhabe an kurzfristigen themenbezogen Projekten, die Mitarbeit in einer Selbsthilfegruppe, das Leisten einer Unterschrift für eine Bürgerinitiative, die langfristige Bindung an eine Aufgabe oder Leitungstätigkeit in einem Verein oder Verband oder aber die Mitwirkung in einer international agierenden Non-profit-Organisation. Wichtig ist nicht die Form im Einzelnen, sondern dass es sich eben um ein freiwilliges, unentgeltliches und gemeinwohlorientiertes Agieren handelt. Warum ist nun dieses bürgerschaftliche Engagement so wichtig für die heutige Gesellschaft? Auch hierzu hat die Enquete-Kommission eine klare Antwort gegeben: Die Enquete-Kommission hat nämlich das bürgerschaftliche Engagement in den Kontext einer neuen Arbeits- und Aufgabenteilung zwischen Staat und Gesellschaft – bzw. Bürgergesellschaft – gestellt. Es gilt, alle gesellschaftlichen Akteure, und zwar sowohl die individuellen Akteure (also die aktiven Bürgerinnen und Bürger die sich in den verschiedenen Formen und in den verschiedenen Bereichen des Engagements betätigen) als auch die kollektiven oder organisierten Akteure (also Vereine, Initiativen, Projekte, Stiftungen usw.) zu stärken und damit ihre gesellschaftliche Einfluss- und Handlungschancen zu verbessern. Das Leitbild des Staates ist hier der paternalistische, fürsorgliche Staat, der für seine Bürger umfassend Sorge trägt, sondern, sondern der ermunternde oder ermöglichende, oder eben aktivierende Staat. Dies bedeutet, dass der Staat – und damit natürlich Länder und Kommunen – verpflichtet sind, die Rahmenbedingungen für das freiwillige und unentgeltliche Engagement der Bürgerinnen und Bürger – und zwar aller Bürgerinnen und Bürger – durch geeignete Maßnahmen zu verbessern.

Warum ist eine  solche Verbesserung der Rahmenbedingungen für freiwilliges und unentgeltliches Engagement erstrebenswert? Bürgerschaftliches Engagement – und dies zeigen alle neueren sozialwissenschaftlichen Untersuchungen – ist in der gegenwärtigen modernen Gesellschaft sowohl für die Gesellschaft insgesamt als auch für die einzelnen Individuen von unschätzbarem Wert. Ernst zu nehmende politikwissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass das freiwillige Engagement der Menschen so etwas wie das „soziale Kapital“ von Gesellschaften darstellt: Sowohl die Wirtschaft als auch Politik und Verwaltung funktionieren besser, wenn Markt und Staat auf der Grundlage eines stabilen Netzes von vertrauensvollen Sozialbeziehungen sowie den Mitmachbereitschaften und Gemeinschaftsorientierungen der Bürgerinnen und Bürger aufruhen können. Dort, wo solche Netze, solche Vertrauensbeziehungen und Mitmachbereitschaften nicht existieren, dort herrschen Desinteresse an öffentlichen Angelegenheiten, Apathie, Misstrauen und die Neigung zu einem sich Zurückziehen auf kleine private Netze, die sich nach außen abschotten. Auf de anderen Seite ist das Engagement aber auch eine sehr wertvolle Ressource für die Individuen selbst. Durch die Beteiligung an freiwilligen und unentgeltlichen Aktivitäten können Menschen neue Beziehungen aufbauen, machen neue und ungewohnte Erfahrungen und erwerben neue Fähigkeiten und Fertigkeiten.

 

2. Integration – Für wen ist das Wichtig?

Damit bin ich auch schon bei unserem heutigen Thema nämlich der Bedeutung des bürgerschaftlichen Engagements für die Integration von Migrantinnen und Migranten angekommen. Zunächst einmal: Migration hat es schon immer gegeben und wird es auch in einer offenen und globalisierten Welt immer geben. Es kommt deshalb darauf an, sich auf diese schlichte und einfache Tatsache einzustellen und entsprechende Integrationsaktivitäten zu entfalten.

Ich gehe davon aus, dass

(a) Die Gesellschaft gewinnt die ganz spezifischen Handlungspotentiale, Erfahrungen und Motivationen der Migrantinnen und Migranten zur Lösung der Aufgaben und Probleme dieser Gesellschaft und mindert die sozialen Folgekosten, die sich aus Nicht-Integration, aus Segregation und Marginalisierung ergeben würden.

(b) Die Zugewanderten gewinnen durch Integration Teilhabechancen und -rechte, Anerkennung und Wertschätzung und können ihre Bedürfnisse und Interessen in die Gesellschaft einbringen, in der sie aktuell leben.

Allerdings bedeutet Integration meiner Meinung nach nicht einfach Assimilation. Mit der zunehmenden Heterogenität – und zwar sowohl kulturell als auch religiös – der Migrantinnen und Migranten müssen wir damit rechnen, dass Integration nicht vollständige Anpassung an die aufnehmende Gesellschaft heißt, sondern Teilhabe, Mitwirkung und Einbindung bei Aufrechterhaltung eines eigenen Lebensstils, eigener religiöser Bindungen und kultureller Lebensformen. Man könnte also hier eher von multikultureller Integration sprechen.

Darüber hinaus ist für mich wichtig, dass Integration kein einfacher sondern vielmehr ein mehrschichtiger Prozess ist. Er umfasst

Für mich ist klar, dass man nicht Integration auf der einen Seite vehement einfordern kann (z.B. die Forderung an die MigrantInnen, die Sprache des aufnehmenden Landes zu erlernen), ohne auf der anderen Ebene (nämlich z.B. auf der Ebene politischer Rechte, der Integration in Arbeit und Beruf etc.) entsprechende Möglichkeiten der Integration zu schaffen. Spätestens hier wird deutlich, dass Integration keine Einbahnstraße ist: Integration ist nicht lediglich an die zuwandernden Menschen, sondern Integration ist ein zweiseitiger Prozess, der sowohl die zuwandernden als auch die aufnehmenden Menschen betrifft.

 

3. Bürgerschaftliches Engagement und MigrantInnen

Wenn wir das Engagement im Bereich der Arbeit mit Migrantinnen und Migranten betrachten, dann müssen wir zunächst einmal zwischen zwei Grundformen des Engagements unterscheiden nämlich zum einen das bürgerschaftliche Engagement für die Migrantinnen und Migranten als Betroffene und zum anderen das bürgerschaftliche Engagement durch die Migrantinnen und Migranten selbst.

Das Engagement für MigrantInnen wurde nach dem Bedarfsprinzip entwickelt und vorrangig von den Mitgliedern der Mehrheitsgesellschaft durchgeführt. MigrantInnen werden hier hauptsächlich als Gruppen von Bedürftigen definiert, obwohl es auch viele MigrantInnen gibt, die sich selbst aktiv engagieren (z.B. in Verbänden, Kirchen, NGO’s).

Die zweite Form, also die Eigenaktivität bzw. das Engagement von MigrantInnen, reicht von kleinräumigen Engagementformen in den Communities oder Nachbarschaften bis hin zur organisierten Selbsthilfe und Vereinsorganisation. Leider gibt es kaum Untersuchungen, die diese unterschiedlichen Formen des Engagements empirisch erfassen und näher beschreiben könnten.

Der Anfang allen Engagements für Migrantinnen und Migranten ist allerdings die sehr private Ebene der Familienselbsthilfe. Diese Hilfe ist angesichts der prekären Stellung von MigrantInnen in der Aufnahmegesellschaft, der Tatsache, dass die MigrantInnen per Staatsangehörigkeitsrecht keine Staatsbürger des Landes sind und häufig auch unterschiedlichen Formen der Gewalt ausgesetzt sind, eine lebensnotwendige und lebenssichernde Form der Selbsthilfe. Familienselbsthilfe heißt für Migrantinnen und Migranten oft Hilfe in der Kleinfamilie und in der Großfamilie, denn MigrantInnen sind häufig noch mit der Großfamilie verbunden und teilen die Verantwortung und Unterstützung füreinander. Allerdings gilt auch, worauf neuere Untersuchungen hinweisen, dass sich die Familienstrukturen von MigrantInnen im Verlaufe der Zeit und im Wechsel von der ersten über die zweite zur dritten Generation von Einwanderern dem Ankunftsland Deutschland immer mehr annähern. Während z.B. die erste Generation von ArbeitsmigrantInnen (also z.B. Türken, Italiener) der 1960er und 1970er Jahre zu Beginn ihrer Zeit noch über starke Familienbeziehungen und ein hohes Maß an Familienselbsthilfe zurückgreifen konnten, berichten diese inzwischen älter gewordenen MigrantInnen von eher lockerer gewordenen innerfamilialen Beziehungen und von einer wachsenden Segregation der Altersgruppen. Die Folge ist oft ein hohes Maß an Isolation gerade unter den älteren Migrantinnen und Migranten.

Kehren wir zur Familienselbsthilfe zurück: Hier können wir vermuten, dass es vor allem die Frauen sind, die diese Form der Selbsthilfe tragen. Hierzu trägt einmal das herkömmliche Geschlechtsrollenverständnis als auch die berufliche Situation der eingewanderten Frauen bei. Erwähnenswert ist auch, dass die Familienselbsthilfe natürlich meist innerhalb einer „ethnischen“ Gruppe angesiedelt ist, wegen zunehmender Heiraten über die ethnische Gruppe hinaus erhält diese Form der Selbsthilfe allerdings zunehmend auch eine „mehrethnische“ Dimension.

Auch die Nachbarschaftshilfe entwickelt sich zunächst innerhalb der ethnischen Gemeinschaft, bezieht allerdings darüber hinaus auch andere Familien und Menschen, ungeachtet der ethnischen oder nationalen Zugehörigkeit, mit ein.

Die dritte Form sind die so genannten Communities, die auf der Basis heimatbezogener Beziehungen funktionieren, sich aber nicht nur auf Familie oder die Nachbarschaft beschränken. Diese Communities erfahren – vor allem in großstädtischen Räumen – in den letzten Jahren eine deutliche Veränderung: Sie werden immer mehr zu interkulturellen Communties. Damit können wir bereits die unterschiedlichen Formen, in den MigrantInnen selbst aktiv werden, umreißen: Es handelt sich zunächst um die private Selbsthilfe in der Familie bzw. Großfamilie, dann aber vor allem auch um Formen der Nachbarschaftshilfe, der politischen Initiativen und Selbsthilfeorganisationen, der Vereine, Verbände und Netzwerke. Was sind nun die Themen und Bereiche, in denen das bürgerschaftliche Engagement für Migrantinnen und Migranten eine besondere Bedeutung aufweist? Hier handelt es sich etwa um Formen der Alltagsbewältigung, des Umgangs mit der ungewohnten Bürokratie, der Unterstützung bei Gängen zur Ausländerbehörde, der Entwicklung von Sprachkompetenzen, der Hilfen bei Übersetzungen, der Unterrichtsnachhilfen, der Pflege bzw. gesundheitlichen Hilfe insbesondere bei älteren Menschen, der Konfliktbewältigungen, der gesellschaftlichen Integration, z.B. bei der Übernahme von Verantwortung auf der gesellschaftlichen und politischen Ebene, der beruflichen Integration, insbesondere von Jugendlichen, jungen Erwachsenen und Frauen, Hilfen für kriminell gewordene Jugendliche (z.B. im Bereich Erziehung und sprachliche Förderung), berufliche Einbindung und Fortbildung, Suchtproblematik sowie Frauenhandel und Kinderhandel. Es ist allgemein bekannt, dass alle nationalen Gruppen von MigrantInnen von Beginn an auf der kommunalen bzw. regionalen Ebene ihre Vereine gegründet haben. Es handelt sich hierbei zumeist um Kulturvereine, die als Treffpunkte, Informationsaustauschbörsen und Dienstleistungsagenturen eine wichtige Rolle für die Integration spielen. Häufig werden dort auch Sportaktivitäten gepflegt sowie Kontakte mit der Heimat aufrechterhalten. Trotz ihres weiten Verbreitungscharakters weisen neuere Erfahrungen und Studien darauf hin, dass mit dem allmählichen Älterwerden der ersten Generation der Vereinsgründer und der inzwischen veränderten Lebenssituation gerade der jüngeren Migrantinnen und Migranten das Interesse an dieser Form der Vereinstätigkeit zurückzugehen scheint. Viele dieser Vereine klagen über Nachwuchsprobleme, was sowohl damit zu tun haben kann, dass junge Leute andere Möglichkeiten haben, sich zu treffen, als auch damit, dass der Führungsstil der älteren Generation bei den jüngeren Migrantinnen und Migranten nicht unbedingt auf volles Einverständnis trifft. Trotz dieser möglichen Probleme der Kulturvereine haben sie doch seit jeher wichtige integrative Funktionen erfüllt: Durch die gemeinsame Pflege der eigenen Kultur und Sprache, des Informationsaustausches und der Geselligkeit und gleichzeitig des ersten Aufbaus von Kontakten zu anderen Ethnien und zur Ankunftsgesellschaft wurde die eigene Identität und das Selbstbewusstsein gestärkt und damit ein wichtiger Beitrag zur Integration in die deutsche Gesellschaft geleistet.

Neben diesen Vereinen haben sich insbesondere in den großen Städten in einzelnen Stadtteilen zudem in Bürgerhäusern und kirchlichen Organisationen viele kleine Gruppen gebildet. Frauengruppen und Mütterzentren für MigrantInnen sind inzwischen ein selbstverständlicher Bestandteil der sozialen Struktur in vielen Stadtteilen geworden.

Eine besondere bundesweite Vernetzung schafften MigrantInnen Anfang der 1990er Jahre in ihrem Engagement gegen rassistische Strömungen innerhalb der Gesellschaft. Auf mehreren Kongressen, die in den folgenden Jahren durchgeführt wurden, fand ein reger Austausch und eine Politisierung statt. Unzählige Initiativen und Aktivitäten wurden danach in unterschiedlichen Städten von MigrantInnen gegründet.

In einigen Stadtteilen mit hohem MigrantInnenanteil sind auch aus unterschiedlichen Stadtteilinitiativen einzelne Kultur- und Bildungseinrichtungen entstanden. Hier finden Sprachkurse, Computerkurse, unterschiedliche Veranstaltungen und Begegnungen statt. Es sind interkulturelle Kinder- und Jugendgruppen sowie Frauengruppen entstanden.

Im Hinblick auf all diese Bereiche bürgerschaftlichen Engagements treten MigrantInnen vorrangig zunächst als VertreterInnen ihrer eigenen „ethnischen“ Interessen in der Öffentlichkeit auf (so wird z.B. ein türkischer Migrant oft im Zusammenhang mit der Türkei und türkischen Interessen oder Interessen der türkischen MigrantInnengruppen in Deutschland angesprochen). Dies ist zunächst eine wichtige Entwicklung, weil auch diese Bereiche früher von deutschen Vertretern wahrgenommen wurden. Dennoch sind die Bereiche, in den MigrantInnen in der Öffentlichkeit aktiv mitwirken noch sehr eng gefasst. MigrantInnen nehmen bislang noch kaum Einfluss auf die gesellschaftliche Entwicklung und die aktive Gestaltung durch politisches Handeln. Hier sind MigrantInnen noch Ausländer und es bedarf einer gesellschaftlichen Öffnung und einer Förderung des bürgerschaftlichen Engagements um weitere, allgemeine Bereiche zu erschließen. Bürgerschaftliches Engagement für MigrantInnen ist in allen gesellschaftlichen Bereichen relevant: Kultur, Sport, Soziales, Kirche, Pflege, Jugendarbeit, Altenarbeit, Gesundheitswesen, Bildung, Erziehung, Betreuung, Rechtswesen, Arbeit und Wirtschaft, Umwelt und Politik. Alle Tätigkeiten innerhalb dieser Bereiche sind insbesondere unter dem Aspekt der speziellen Situation unzureichender Integration zu sehen, in der sich diese Gruppe befindet.

Wichtig ist auch zu erkennen, dass die einzelnen Generationen und Altersgruppen von MigrantInnen unterschiedliche Erfahrungen in unserer Gesellschaft machen. So hat etwa die erste Generation, die so genannte Gastarbeitergeneration, kaum oder ungenügend die deutsche Sprache gelernt und orientiert sich noch an der alten Heimat. Dagegen ist die zweite Generation den Bildungsweg in Deutschland gegangen. Die Angehörigen dieser Generation haben sich oft an den gesellschaftlichen Normen der Ankunftsgesellschaft orientiert, allerdings häufig schlechte Berufsperspektiven für sich realisieren können. Die dritte Generation wächst auf der Basis neuer Ideen und kultureller Werte auf. Je weiter die Generation voranschreiten, desto weniger Möglichkeiten haben die jeweiligen Angehörigen MigrantInnen, die Kultur und Sprache der Herkunftsgesellschaft noch kennen zu lernen und damit die Beziehungen zwischen der Herkunftsgesellschaft und der Ankunftsgesellschaft aufrecht zu erhalten.

Die besondere Situation von Migrantinnen und Migranten trägt dazu bei, dass das bürgerschaftliche Engagement von Migrantinnen und Migranten zunächst einmal als eine Art von Überlebensfrage anzusehen ist. Dieses Engagement ist zunächst und in erster Linie nach innen gerichtet, es ist ein Beitrag zur Stabilisierung der eigenen Situation und weniger ein Beitrag für das Allgemeinwohl bzw. für die Gesellschaft insgesamt.

 

Möglichkeiten und Barrieren des Engagements von MigrantInnen

Diese Ausgangslage führt zu spezifischen Möglichkeiten und Barrieren des bürgerschaftlichen Engagements für Migrantinnen und Migranten. Aufgrund der vergleichsweise geringeren Qualifizierung und der relativ niedrigeren Löhne sowie der hiermit oft verbundnen Ausdehung der Arbeitszeiten durch die Kombination von mehreren Beschäftigungen führt bei Migrantinnen und Migranten sehr oft zu einer erheblichen Knappheit von Zeit und Geld. Damit findet das Engagement von Migrantinnen und Migranten in der Regel unter schwierigen Rahmenbedingungen statt. Auch ist vor diesem Hintergrund nachvollziehbar, dass mit diesem Engagement weniger die Verantwortung für gesamtgesellschaftliche Belange als vielmehr die Verantwortung für die Bewältigung der eigenen Situation übernommen wird. Es geht zentral darum, die eigene Situation und die Situation von anderen Angehörigen der eigenen ethnischen Gruppe zu bewältigen, während „entfernte Ziele“ erst dann interessant werden, wenn die eigene Lebenssituation relativ gesichert. Damit ist gleichzeitig auch klar: Bürgerschaftliches Engagement von Migrantinnen und Migranten kann selbstverständlich auch kein Ersatz für die Integration in Arbeit und Ausbildung sein!

Es wird aber auch deutlich: Der Zusammenhang zwischen bürgerschaftlichem Engagement und der Zugehörigkeit zur Ankunftsgesellschaft ist sozusagen ein wechselseitiger Zusammenhang: Bürgerschaftliches Engagement ist sowohl selbst ein Indikator und Ausdruck von Zugehörigkeit zu einer gegebenen Gesellschaft als auch ein Vehikel, ein Motor, um diese Zugehörigkeit entstehen zu lassen. Indem Migrantinnen und Migranten sich freiwillig und unentgeltlich für ihre eigene Lebenssituation und die ihr unmittelbar nahe stehenden Familienmitglieder, Freunde und Nachbarn engagieren, entwickeln sie – quasi ohne es groß zu bemerken – ein Gefühl der Zugehörigkeit zu sich allmählich ausweitende Gemeinschaftsformen und integrieren sich damit – ohne ihre Identität verlieren zu müssen – in die Gesellschaft.

Dabei sind es zunächst einmal vor allem junge Menschen mit guten Sprachkenntnissen und gutem Bildungsstand, die am ehesten in der Lage und bereit sind, übergreifend zu helfen. Sie beginnen vielleicht mit einem Engagement im Bereich der Familie sowie im Bereich von Freunden und Nachbarn und arbeiten dann allmählich freiwillig in unterschiedlichen Organisationen und Einrichtungen mit. Frauen sind die zweite Gruppe, die sehr stark in den Bereichen des unbezahlten Engagements tätig sind. Dies liegt zum einen daran, dass Frauen immer schon für das soziale Wohl der Familie zuständig waren. Hinzu kommt, dass für Frauen der ersten Generation der MigrantInnen bereits ab der zweiten Hälfte der 1970er Jahre der Zugang zum Arbeitsmarkt erschwert war und viele von ihnen nicht durchgehend einer Erwerbsarbeit nachgehen konnten. Generell sind MigrantInnen von der Erwerbslosigkeit sehr stark betroffen, die Erwerbslosigkeit beträgt im Durchschnitt fast 20 %, wobei die Frauen eine höhere Quote erreichen als die Männer. Angesichts dieser Sachlage haben Frauen soziale Netze aufgebaut und vielerlei Hinsicht dazu beigetragen, das Leben in der Migration besser zu bewältigen. Frauen haben Selbsthilfegruppen aufgebaut und sind vielseitig engagiert. Sie haben Netzwerke innerhalb der Antirassismusbewegung geschaffen, aus denen bundesweit neue Organisationen und Gruppen hervorgegangen sind, in denen sich MigrantInnen engagieren. Die Intention war, auf der politischen Ebene für mehr Rechte einzutreten, die Situation von MigrantInnen innerhalb der Gesellschaft zu verändern und aus der Opferrolle herauszutreten. In diesen Gruppen sind vor allem Frauen der Bildungsschicht vertreten. Männer sind vor allem auf der Ebene de Vereinsarbeit nationaler Gruppen aktiv. In den Vereinen werden kulturelle Interessen und Freizeitaktivitäten gepflegt, ein Austausch mit anderen Gruppen organisiert sowie Informationen weitergegeben und Beratung angeboten. Daneben existieren unterschiedliche religiöse Gemeinschaften, die sich um das Wohl ihrer nationalen Religionsgruppe kümmern und verschiedene Angebote machen.

Das bürgerschaftliche Engagement ist für viele MigrantInnen auch eine Brücke in die Erwerbsarbeit. Viele Vereine und andere Einrichtungen für MigrantInnen können inzwischen ihre Tätigkeit nur noch auf der Basis einer entlohnten Arbeit bewältigen. Andere Einrichtungen arbeiten auf der Grundlage einer Mischform von freiwilliger und entlohnter Arbeit. Einige berufstätige MigrantInnen haben ihre freiwillige Arbeit in diesem Zusammenhang bereits in eine Berufstätigkeit umwandeln können. Ohne diesen Einstieg wäre es ihnen oft kaum möglich gewesen, eine Erwerbsarbeit zu finden. Gerade MigrantInnen haben so eine gute Chance, eine neue Tätigkeit kennen zu lernen. Die Erwartung, dass gerade Migrantinnen und Migranten an einer vollkommen unentgeltlichen Arbeit interessiert sein könnten, geht daher oft fehl. Beispiele, in denen eigene Kompetenzen in bezahlte Tätigkeiten umgemünzt werden konnten, ist auch der Sprachunterricht, der in hohem Maße von freiberuflich tätigen Lehrern durchgeführt wird.

Inwiefern fördern dir unterschiedlichen Formen des Engagements Integration? Generell lässt sich nach 40 Jahren Migration in Deutschland sagen, dass Migrantinnen und Migranten im Bereich des freiwilligen Engagements Erfahrungen machen, die es ihnen ermöglichen, Aufgaben und Bereiche eigenverantwortlich zu übernehmen.

Spezieller lassen sich folgende Zusammenhänge erkennen:

In bürgerschaftlichem Engagement selbst aktiv zu wirken, stärkt das Bewusstsein und ermöglicht eine Erfahrung von Beteiligung an gemeinsamen Projekten. Das kann neue Projekte hervorbringen, in denen sich unterschiedliche Beteiligte betätigen. Integration ist dabei – wie bereits skizziert – nicht eine Frage, die sich nur für die MigrantInnen stellt, sondern sie betrifft immer die ganze Gesellschaft.

 

Empfehlungen

Das bürgerschaftliche Engagement generell – und natürlich auch das bürgerschaftliche Engagement von Migrantinnen und Migranten – ist von vielen unterschiedlichen Bedingungen abhängig. Die Enquete-Kommission spricht in ihrem Bericht von „Rahmenbedingungen“, die förderlich gestaltet werden sollten. Speziell im Hinblick auf die Bevölkerungsgruppe der Migrantinnen und Migranten erwartet die Gesellschaft immer mehr, dass auch diese Gruppe sich selbst für ihre eigenen Belange durch freiwilliges Engagement einsetzt. Dabei ist allerdings zu beachten, dass sie durch die Einwanderungssituation in eine hoch industrialisierte Gesellschaft in einer belastenden Situation stehen und nicht überfordert werden dürfen. Folgende Handlungsempfehlungen könnten die Rahmenbedingungen für das Engagement von Migrantinnen und Migranten nachhaltig verbessern:

Das freiwillige Engagement von MigrantInnen sollte Gegenstand wissenschaftlicher Forschung sein, um es gezielter und nachhaltiger unterstützen zu können.