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Prof. Olk: Synergieeffekte bei der Förderung von Familien und bürgerschaftlichem Engagement

 

Synergieeffekte bei der Förderung von Familien und bürgerschaftlichem Engagement

Vortrag von Prof. Thomas Olk am 26. Mai 2005 auf Rügen
 

Erstens

Meine Aufgabe auf dieser Veranstaltung besteht darin, den möglichen Beitrag des bürgerschaftlichen Engagements und der Zivilgesellschaft für die Gestaltung familienfreundlicher Lebensbedingungen ganz generell bzw. speziell auf der Insel Rügen zu skizzieren. Ein solches Ansinnen könnte Verwunderung und Kopfschütteln hervorrufen. Gerade in Deutschland haben wir uns in dieser Hinsicht historisch an ganz anderen Zuständigkeiten orientiert. So hatte man über lange Zeit – insbesondere in Westdeutschland – Familie zu einer Privatangelegenheit erhoben, die nur von den Beteiligten selbst in ihrer Privatsphäre gestaltet werden könne und in die der Staat sich tunlichst nicht hineinmischen sollte.
Das Zusammenleben von Erwachsenen mit Kindern ist nach diesem Modell eine Privatangelegenheit der beteiligten Akteure und hat in einem weitgehend staatsfreien und der Öffentlichkeit entzogenen Bereich stattzufinden. Auf der anderen Seite gibt und gab es die Auffassung, dass der Staat eine Mitverantwortung dafür hat, dass ein subjektiv befriedigendes und funktional erfolgreiches Familienleben stattfinden kann. Nach diesem Modell ist die Verantwortlichkeit für Familie und Familienleben auch eine Angelegenheit von Bund, Ländern und impliziert die Erwartung an die staatlichen Institutionen, geeignete Rahmenbedingungen, Infrastrukturen und Hilfeleistungen bereitzustellen, die es den Menschen erleichtern sollen, in familiären Lebensgemeinschaften zusammenzuleben. Dieses Modell einer „öffentlichen Verantwortung für Familien und das Aufwachsen von Kindern“ finden wir im europäischen Vergleich in unterschiedlichen Varianten und hat insbesondere in den skandinavischen Ländern und in Frankreich schon eine lange Tradition.
Für die Entwicklung und fachpolitische Thematisierung in Deutschland war in dieser Hinsicht der Elfte Kinder- und Jugendbericht aus dem Jahre 2002 bedeutsam; er führte den Begriff der öffentlichen Verantwortung für das Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen als Leitbegriff seiner Argumentation ein und forderte eine Neujustierung des Verhältnisses von privater und öffentlicher Erziehung bzw. von privater Zuständigkeit und öffentlicher Verantwortung und eine neue und stärkere Aufmerksamkeit und Verantwortung für das Aufwachsen junger Menschen (vgl. BMFSFJ 2002, S. 58). Und auch der neue Familienbericht der Bundesregierung, der kurz vor seiner Veröffentlichung steht, wird die Verantwortung des Staates für die Gewährleistung familienfreundlicher Rahmenbedingungen in den Mittelpunkt seiner Ausführungen stellen.
Heute sind wir sogar noch einen Schritt weiter: Das strategische Politikkonzept der Allianzen für Familie bzw. der lokalen Bündnisse für Familie ist Ausdruck der Einsicht, dass wir die Herstellung und Sicherung familienfreundlicher Bedingungen in der Arbeitswelt, in Städten und Gemeinden, im Konsum- und Freizeitbereich weder von den Familienmitgliedern noch von staatlichen Institutionen allein erwarten können. Die Lebensverhältnisse und die Formen familialen Zusammenlebens haben sich tiefgreifend verändert. Heute finden wir nicht nur die klassische Familienkonstellation mit Mutter-Vater-Kind vor, sondern auch allein erziehende Elternteile mit Kindern, Gemeinschaften ohne Trauschein und auch so genannte Patchwork-Familien, in denen soziale Elternschaft gelebt wird. Zugleich erzeugen neue Formen von Arbeitsverhältnissen zusätzliche Unsicherheiten und Anforderungen für Familien. Strukturelle Arbeitslosigkeit, häufige Berufs- bzw. Betriebswechsel und die Auflösung lebenslanger Beschäftigungsverhältnisse haben weitreichende Konsequenzen für das familiale Zusammenleben. Auch müssen Eltern heute vielfältige Koordinations- und Abstimmungsleistungen gegenüber ihrem Lebensumfeld vornehmen, um z.B. die Zeitstrukturen der Betreuungsinstitutionen, die Öffnungszeiten von Geschäften und Behörden und die Angebotszeiten weiterer Institutionen – etwa der Bildung, der sozialen Dienste und der Freizeitgestaltung mit den Rhythmen des häuslichen Lebens zu harmonisieren.
Auch die Lebensbedingungen von Kindern und Jugendlichen wandeln sich. Die Sicherung kindgerechter und entwicklungsfördernder Lebensbedingungen stellt wachsende Herausforderungen an die Eltern und die Gesellschaft. Solche Herausforderungen können weder von den einzelnen Mitgliedern der Familien noch von staatlichen Institutionen allein bewältigt werden. Selbst wenn wir davon ausgehen, dass der Staat – also Bund, Länder und Kommunen – auch weiterhin eine zentrale und vielleicht sogar wachsende Rolle bei der Bereitstellung einer Infrastruktur für Familien und Kinder übernehmen muss, so geht natürlich die Gestaltung familien- und kindgerechter Lebensverhältnisse nicht die sozialstaatlichen Institutionen allein, sondern ebenso andere Akteure und Institutionen wie das lokale Gemeinwesen, aber auch die Wirtschaft in Form von Unternehmen und Gewerkschaften sowie die vielfältige Organisationslandschaft des so genannten Dritten bzw. Non-Profit-Sektors.

Dies gilt insbesondere angesichts der demografischen Entwicklung und der hiermit verbundenen Schrumpfungsprozesse sowie der Abwanderung bestimmter Bevölkerungsgruppen in vielen Städten und Regionen. Insbesondere junge Familien gehören bei ihrer Suche nach Arbeits- und Einkommenschancen und familienfreundlicheren Lebensbedingungen zu einer der zentralen Gruppen der Abwandernden aus Regionen, die im regionalen Wettbewerb weniger günstige Bedingungen bieten können. Dies ist ja auch ganz offensichtlich eines der Probleme, auf der Insel Rügen, die in dem Familienatlas des Bundesfamilienministeriums als eine Region mit geringen Perspektiven für Familien bezeichnet und nicht zuletzt aus diesem Grunde durch eine Tendenz zur Abwanderung gerade bei jungen Familien gekennzeichnet ist. Gerade junge Menschen – und natürlich in diesem Zusammenhang auch junge Familien – stellen aber mit ihren beruflichen und außerberuflichen Kompetenzen, ihrem Motivations- und Engagementpotential und ihren Kontakt- und Beziehungsnetzen ein wichtiges Humanvermögen dar, dass sowohl für das örtliche und regionale Gemeinwesen als auch für die regionale Wirtschaft eine unschätzbare Ressource darstellt.

Meine These ist nun, dass bei der Entwicklung und Ausgestaltung von Strategien und Instrumenten einer Attraktivitätssteigerung des Lebensstandortes der Insel Rügen für junge Familien und damit die Gestaltung dieser Region als attraktivem Wirtschaftsstandort nicht auf öffentliche Programme, Angebote und Leistungen allein sondern auch auf die Akteure und Potentiale der Zivilgesellschaft gesetzt werden muss. Denn das Problem, um das es hier geht, ist komplex und vielschichtig; die Bedürfnisse und Anforderungen und die Erwartungen an attraktive Lebensumfeldbedingungen sind angesichts der Vielfalt familialer Lebensformen und der Ausdifferenzierung von Arbeits- und Beschäftigungsverhältnissen nicht ohne Weiteres über einen Leisten zu schlagen, flächendeckende Standardlösungen – eine Stärkung öffentlicher Institutionen – reichen hier nicht aus. Auch bürgerschaftliches Engagement und Zivilgesellschaft können selbstverständlich nicht alles; das freiwillige und unentgeltliche Engagement der Bürgerinnen und Bürger und gemeinnützige Organisationen können den Staat nicht ersetzen, aber sie können flankierend zu staatlichen Leistungen und den Angeboten des Marktes wichtige Beiträge zur Lösung des Problems leisten.

 

Zweitens

Aber worum geht es bei bürgerschaftlichem Engagement und Zivilgesellschaft? Freiwilliges bzw. bürgerschaftliches Engagement meint ein breites Spektrum unterschiedlicher Formen des freiwilligen, unentgeltlichen und gemeinwohlorientierten Engagements in prinzipiell allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens, also Sport, Freizeit, Kultur, Gesundheit und Soziales, Ökologie, Politik und berufliche Interessenvertretung etc. Bürgerschaftliches Engagement ist mehr als herkömmliches Ehrenamt. Letzteres bezeichnet stärker formalisierte, in Regeln eingebundene und dauerhafte Formen des Engagements wie z. B. die Mitwirkung im Vorstand eines Vereins, die Tätigkeit eines Schöffen etc. In seiner Verlässlichkeit ist das Ehrenamt in vielen Bereichen nach wie vor ein wichtiger Stabilisierungsfaktor. Aber gerade die Diskussionen und Forschungen zu einem „Strukturwandel des Engagements“ verweisen darauf, dass weniger verbindlich organisierte und zeitlich befristete Formen des Engagements in den letzten Jahren an gesellschaftlicher Bedeutung gewonnen haben.
Auch Selbsthilfe ist lediglich ein Ausschnitt aus dem gesamten Spektrum bürgerschaftlichen Engagements. Hier geht es um die wechselseitige Unterstützung und Hilfe auf der Basis von Selbst- und Gleichbetroffenheit, wie wir sie insbesondere in den Gesundheitsselbsthilfegruppen, aber auch in der familienbezogenen Selbsthilfe in Elterninitiativen, Eltern-Kind-Gruppen und den Mütterzentren finden. Ebenfalls zum bürgerschaftlichen Engagement gehören aber auch Formen der Selbstorganisation und kritischen Öffentlichkeit, wie sie in Bürgerinitiativen, neuen sozialen Bewegungen und Nicht-Regierungsorganisationen im Bereich internationaler Politik in den letzten Jahrzehnten prominent zum Ausdruck gekommen sind. Gerade diese Formen des gesellschaftlichen Engagements zeigen, dass Dabei-Sein und Dagegen-Sein gleichermaßen zum Bürgerengagement in einem demokratischen Gemeinwesen gehören und gerade auf diese Weise dessen Produktivität und Innovationskraft ausmachen.
Wenn wir also heute von bürgerschaftlichem Engagement sprechen, dann geht es um jede Form freiwilliger und gemeinschaftsbezogener Aktivität, die nicht ausschließlich den individuellen Eigeninteressen der Beteiligten dient, sondern auch zur Erzeugung und Vermehrung öffentlicher Güter beiträgt. Dies können Handlungsformen wie selbstorganisierte Betreibung eines Kindergartens, die Mitarbeit im Förderverein einer Schule, die Organisation einer Straßensammlung für UNICEF oder die Beteiligung an einem Nachbarschafts- und Familienzentrum sein. Mit Zivil- oder Bürgergesellschaft (beide Begriffe möchte ich hier synonym verwenden) ist dann die Sphäre zwischen Staat, Wirtschaft und privaten Familienhaushalten gemeint, die durch eine Vielfalt gemeinnütziger Organisations- und Assoziationsformen wie etwa Vereine und Stiftungen, Projekte und Initiativen und sonstige freiwillige mehr oder weniger formelle Zusammenschlüsse von Bürgerinnen und Bürgern bevölkert wird.

Es stellt sich nun natürlich die Frage, ob und wenn ja: in welchen Hinsichten bürgerschaftliches Engagement und Zivilgesellschaft einen Beitrag für die nachhaltige Verbesserung der Lebensstandortbedingungen für junge Familien etwa in der Region Rügen bereitstellen können. Die Antwort ist klar: Zivilgesellschaftliche Netzwerke und Zusammenschlüsse in einer gegebenen Region repräsentieren sozusagen ihr „soziales Kapital“. Dieses soziale Kapital hat wiederum positive Auswirkungen auf regionale Wirtschaft und Politik. Denn wenn Menschen sich – so die Argumentation – in freiwilligen Zusammenschlüssen wie etwa Vereinen, Initiativen und Projekten engagieren und einbringen, dann flechten sie sich nur in das lokale Netzwerk von Beziehungen und Bindungen ein, was für sie persönlich von Nutzen sein kann, sondern sie entwickeln zugleich Motivationen und Kompetenzen zur Teilhabe am regionalen Gemeinwesen. Auf diese Weise erweist sich die Zivilgesellschaft als ein unentbehrlicher Nährboden für eine demokratische Beteiligungskultur und lebendige Gemeinschaftsbezüge. Für unser Thema bedeutet dies zweierlei:

(1)     Indem Menschen – hier spezielle junge Menschen – sich in die örtliche und regionale Kultur von Vereinen, Projekten und Initiativen einbringen, bestärken sie ihre regionale Zugehörigkeit und ihre regionale Identität und binden sich damit auch in gewisser Weise an das regionale Gemeinwesen. Wer in einer bestimmten Region neben einem subjektiv befriedigenden Familienleben auch noch positive Gemeinschaftserfahrungen in freiwilligen Zusammenschlüssen erlebt, wird sich in dieser Region wohl fühlen und nur bei Vorliegen ernster Gründe den Wohnort wechseln. Ein dichtes Netz an regionalen Vereinen, Initiativen, freiwilligen Zusammenschlüssen und Projekten ist also selbst ein Bestandteil attraktiver regionaler Lebensverhältnisse und repräsentiert zugleich ein gewisses Ausmaß an Sozialkapital, dass produktiv genutzt werden kann und auch wirtschaftlich von Bedeutung ist.
Selbstverständlich ist dieses Angebot an zivilgesellschaftlichen Netzwerken und Organisationsformen nur eine Komponente attraktiver Lebensstandortbedingungen. Hinzukommen müssen entsprechende Bildungs- und Qualifizierungschancen für Kinder, Jugendliche und Erwachsene und ein entsprechendes attraktives Angebot an Arbeitsplätzen. Es sollte also im Rahmen einer regionalen Strukturpolitik immer beides zugleich getan werden: Es sollten die Rahmenbedingungen für ein dichtes Netzwerk freiwilliger Zusammenschlüsse unterschiedlicher Art verbessert und damit das Sozialkapital der Region erhöht und gleichzeitig durch eine geeignete Wirtschafts- und Beschäftigungspolitik attraktive Arbeitsgelegenheiten gerade für junge Familien geschaffen werden.

(2)     Über die eher indirekte Funktion einer lebendigen regionalen Infrastruktur von Vereinen, Projekten und Initiativen als „Bindekraft“ und „Klebstoff“ zur Stärkung der Verbleibsmotive in der Region hinaus haben bürgerschaftliches Engagement und zivilgesellschaftliche Netzwerke auch noch einen viel direkteren Bezug zur Gestaltung attraktiver Lebensstandortbedingungen für junge Familien. Ergänzend zu Staat und Markt tragen nämlich bürgerschaftliches Engagement und bürgerschaftliche Organisationsformen zur Weiterentwicklung einer passgenauen und qualitätsvollen Infrastruktur für Familien sowie Kinder und Jugendliche bei.
Damit wird das Vorhandensein eines hohen Maßes an Engagementbereitschaft und bürgerschaftlichen Organisationsformen selbst zu einem Standortfaktor für die Region. Um zu verstehen, was damit gemeint ist, möchte ich noch einmal auf die Problemlagen und Anforderungen zurückkommen, mit denen sich junge Eltern und ihre Kinder unter heutigen Lebensbedingungen konfrontiert sehen. Die überwiegende Mehrheit der jungen Menschen möchte heute Beruf und Familie gleichzeitig leben und damit miteinander vereinbaren. Dies gilt grundsätzlich für Väter und Mütter. Unter heutigen Bedingungen der Arbeitswelt – und natürlich insbesondere in Branchen wie Tourismus und Freizeit – sind flexible und untypische Arbeitszeiten mit dem Rhythmus und den bedürfnisbezogenen Anforderungen des Familienlebens aber auch mit Zeitlogiken anderer Institutionen miteinander vereinbaren zu müssen. Zugleich wollen junge Menschen heute ihre Kinder oft nicht einfach für große Teile des Tages an eine Institution abgeben, sondern sie wollen zumindest zu bestimmten Zeiten mit ihren Kindern zusammen sein und auch Einfluss auf die Erziehung ihrer Kinder nehmen. Sie interessieren sich daher nicht nur für den Betreuungsaspekt von Institutionen der Kinderbetreuung und Bildung sondern auch für das, was in diesen Institutionen geschieht, also für die Qualität dieser Einrichtungen.
Zugleich können wir beobachten, dass angesichts der vielfältigen Anforderungen durch Beruf, Familie und andere Lebensbezüge Eltern oft überlastet und sowohl zeitlich wie psychisch überfordert sind. Selbstverständlich kann hier ein gut ausgebautes öffentliches Netz an Einrichtungen und Diensten für Kinder und junge Menschen erheblich zur Entlastung der Situation beitragen. Aber wir wissen auch, dass trotzdem in vielen spezifischen Situationen des familialen Lebens Defizite, Betreuungslücken und nicht abdeckbare Unterstützungs- und Hilfebedarfe bestehen, die entweder kurzfristig oder aber grundsätzlich von staatlichen Institutionen auch nicht abgedeckt werden könnten. Hier sind zum einen die Betriebe selbst gefordert, die ja z. T. mit ihren differenzierten Arbeitszeitmodellen entsprechende Bedarfe bei den Familien hervorrufen. Z. T. geht es aber auch um sehr spezifische und individuelle Problemlagen und Bedürfnisse, die auch durch betriebliche Formen familienfreundlicher Arbeitszeiten und Betreuungseinrichtungen nicht gedeckt werden könnten.
Hier eröffnet sich ein breites Spektrum von Handlungsmöglichkeiten für gemeinnützige Organisationen und Initiativen sowie engagierte Bürgerinnen und Bürger. Dabei haben sich vielerorts Projekte und Initiativen entwickelt, die generationenübergreifend angelegt sind und dem Muster von „Alt hilft Jung“ bzw. „Jung hilft Alt“ folgen. So kennen wir z. B. viele Fälle, in denen Jugendliche – eventuelle mit schlechten Schulnoten bzw. Abgangszeugnissen – Schwierigkeiten haben, eine geeignete Lehrstelle oder Arbeitsstelle zu finden. In diesem Fällen haben sich vielerorts Patenschaftsprojekte entwickelt, bei denen Erwachsene bzw. ältere Menschen eine Patenschaft für einen jungen Menschen übernehmen, und ihm sowohl bei bestimmten schulischen und berufsbezogenen Qualifizierungsproblemen und bei der Vorbereitung auf Bewerbungsgespräche helfen. Oft entwickelt sich zwischen dem Paten und dem jungen Menschen eine persönliche und vertrauensvolle Beziehung, die auch auf mittlere Sicht eine wichtige lebensbegleitende Unterstützungsressource darstellt. Ein anderes Beispiel sind die vielen, im Kontext der lokalen Bündnisse für Familie entstandenen Vermittlungsdienste, die unter Begriffen wie „Leih-Omas“ bzw. „Leih-Opas“ oder – vielleicht angemessener – „Paten-Omas“ bzw. „Paten-Opas“ das Ziel verfolgen, Kindern, die selbst keine engen Kontakte zu ihren Großeltern mehr aufbauen können, die Möglichkeit generationenübergreifender Begegnungen zu schaffen.
Hintergrund dieser Initiativen ist der Sachverhalt und die Erfahrung, dass aufgrund der demografischen Entwicklung viele Großeltern keine Enkelkinder (mehr) haben bzw. viele Kinder der Enkelgeneration aus unterschiedlichen Gründen keine Kontakte mehr zu ihren Großeltern unterhalten können. Durch diese Initiativen kann es nun gelingen, sowohl Bedarfe an kurzzeitiger und flexibler Betreuung bei den Familien zu decken als auch generationsübergreifende Begegnungen zu pflegen. Die Erwartungen an solche Paten-Omas bzw. Paten-Opas können also sehr unterschiedlich sein – je nach Interesse und Bedürfnisslage der jeweiligen Familie.
Entscheidend ist, dass auf diese Weise passgenaue und bedürfnisgerechte Lösungen für sehr individuelle Bedürfnis- und Problemlagen geschaffen werden können. Selbstverständlich gibt es auch Initiativen, bei denen junge Menschen alten Menschen helfen. So in solchen Initiativen, in denen junge Menschen älteren Menschen in Heimen besuchen und ihnen damit Anschlüsse an das außerinstitutionelle Leben ermöglich oder wenn junge Menschen mit älteren Menschen einen Handy- oder Computerkurs durchführen. Auch auf diese Weise werden natürlich nicht nur nützliche Kompetenzen und Informationen ausgetauscht sondern auch soziale Beziehungen gestiftet, die selbst wiederum Bestandteil des regionalen Sozialkapitals sind.

Natürlich geht es hierbei nicht ausschließlich um solche sehr individuellen Beziehungs- und Unterstützungsverhältnisse sondern auch um selbstorganisierte Gruppenangebote und Institutionen. Prominente Beispiele hierfür sind die Elterninitiativen, in denen Eltern in Eigenregie Teile der Betreuung ihrer Kinder gemeinsam organisieren und damit nicht nur Lücken des öffentlichen Kinderbetreuungsangebotes ausgleichen sondern auch Einfluss auf die Erziehung ihrer Kinder nehmen. Hierzu gehören auch die Mütterzentren, die sich seit den 1980er Jahren zunächst in Westdeutschland entwickelt hatten, nun aber auch in den neuen Bundesländern aufgebaut wurden und ein wichtiger Bestandteil der lokalen Infrastruktur für Familien gerade mit kleinen Kindern darstellen können.

Selbstverständlich brauchen engagierte Bürgerinnen und Bürger sowie selbstorganisierte Initiativen in den meisten Fällen öffentliche Unterstützung und förderliche Rahmenbedingungen. Dies kann zunächst am besten dadurch geschehen, wenn das bestehende System öffentlicher Angebote und Dienste – sowohl im Jugendhilfe als auch im Bildungsbereich in Richtung einer sozialräumlichen Orientierung und der systematischen Förderung bürgerschaftlicher Handlungspotentiale der Bürgerinnen und Bürger weiterentwickelt werden würde. Sowohl Familien, die die Anforderungen der Arbeitswelt und des öffentlichen Lebens mit den Bedürfnissen und Interessen ihrer Kinder vereinbaren müssen als auch vor allem Familien in benachteiligten Lebenslagen, unter denen viele allein Erziehende und kinderreiche Familie sind, benötigen, dies zeigen alle einschlägigen empirischen Studien und Befunde, ein Wohngebietsnahes, niedrigschwelliges Angebot an unterschiedlichsten Einrichtungen, Diensten und Unterstützungsleistungen. Ein derart komplexes und Anspruchsvolles Versorgungssystem kann durch die öffentlichen Institutionen nicht zuletzt angesichts der finanziellen Restriktionen wohl kaum in absehbarer Zukunft bereitgestellt werden.
Aber auch aus grundsätzlichen, konzeptionellen Erwägungen heraus ist es wohl besser, öffentliche Angebote und Leistungen mit dem bürgerschaftlichen Engagement und zivilgesellschaftlichen Organisationsformen zu einem Gut koordinierten Versorgungsnetz zu verbinden. Dies setzt bei den öffentlichen Anbietern Innovationsbereitschaft und konzeptionelle Öffnung voraus. So sollten sich öffentliche Einrichtungen der Jugendhilfe wie Begegnungs-, Jugend- und Beratungsstellen sowie die Einrichtungen und Dienste des frühkindlichen und schulischen Bildungssystems gegenüber dem umliegenden Gemeinwesen öffnen und die Akteure und Potentiale dieses Gemeinwesens für die eigenen Einrichtungen und Leistungen nutzen. So können etwa das Angebotsspektrum und die Qualität der Leistungen einer Kindertagesstätte durch den Einbezug von Vereinen und Initiativen des Stadtteils bereichert und vielleicht sogar das Betreuungsangebot in Richtung unübliche Betreuungszeiten erweitert werden.
Und auch das Angebot von Ganztagsschulen ist insbesondere in den Nachmittagsstunden von der Mitwirkung außerschulischer Akteure und Initiativen wie etwa Jugendverbände, Sportvereine und Kulturinitiativen abhängig. Auch erweisen sich Fördervereine für den örtlichen Kindergarten oder die Schule als wichtige Katalysatoren für die Mobilisierung weiterer Ressourcen, die von Spenden über handwerkliche Leistungen bis hin zu sächlichen Ausstattungsmitteln reichen können. Wichtige Grundprinzipien für einen solchen bürgergesellschaftlichen Umbau öffentlicher Institutionen sind Kriterien wie die Öffnung der Einrichtungen gegenüber dem umliegenden Gemeinwesen, die Kooperation und Vernetzung mit Initiativen und Projekten und die Kooperation zwischen Hauptamtlichen und freiwillig Engagierten auf Augenhöhe.

Wenn sie hier auf der Insel Rügen zu der Überzeugung kommen, dass das bürgerschaftliche Engagement ein wichtiges Element einer koordinierten Strategie zur Attraktivitätssteigerung des Lebensstandortes Rügen für junge Familien sein kann, dann können sie dieses Engagement auf vielfältige Weise fördern und unterstützen. Aus dem breiten Spektrum unterschiedlicher Maßnahmen und Ansatzpunkte einer Politik der Förderung und Unterstützung bürgerschaftlichen Engagements möchte ich hier nur zwei Aspekte exemplarisch herausgreifen: Nämlich zum einen die Entwicklung einer Annerkennungskultur und zum anderen die Gründung einer regionalen Freiwilligenagentur.

- Bürgerschaftliches Engagement benötigt Wertschätzung und Annerkennung!
Herkömmliche Formen: Ehrungen, Würdigungen etwa in Form von Anstecknadeln, Präsenten, Veranstaltungen etc. Junge Leute erwarten andere, neue Formen der Annerkennung: z. B. Formen der Dokumentation und des Nachweises bürgerschaftlicher Aktivitäten z. B. in Form von Zeugnissen, Nachweisbüchern etc. Weitere Formen sind geldwerte Formen der Annerkennung etwa in Form einer Ehrenamtscard, mit der die Freiwilligen unentgeltlich oder zu verbilligten Preisen öffentliche Einrichtungen und Angebote (Personennahverkehr, Kulturangebote) nutzen können. Die wichtigste Form der Annerkennung und Wertschätzung ist aber Wertschätzung von Freiwilligen in den Organisationen und Einrichtungen selbst durch attraktive Arbeitsbedingungen, professionelle Begleitung und systematisches Freiwilligenmanagement.

- Eine wichtige neue Form der Unterstützung und Förderung des bürgerschaftlichen Engagements stellen die so genannten Freiwilligenagenturen dar!
Lokale Informations- und Vermittlungsstellen, die das Angebot und die Nachfrage nach freiwilligen Kräften zusammenbringen wollen. Ihr Aufgabenbereich reicht allerdings weit über die reinen Vermittlungstätigkeiten hinaus: Sie haben sich von Vermittlungs- zu Entwicklungsagenturen fortentwickelt. Sie organisieren vielfältige ergänzende Projekte im Bereich des Engagements wie z. B. „Engagement macht Schule“, „Corporate Citizenship-Aktivitäten“ etc.; sie stellen eine Öffentlichkeit für das bürgerschaftliche Engagement her und beraten Organisationen, Einrichtungen und Vereine bei der Ausgestaltung attraktiver Einsatzbedingungen und des freiwilligen Managements.