Die Förderung des bürgerschaftlichen Engagements, Leitartikel von Prof. Olk
Die Förderung des bürgerschaftlichen Engagements ist eine politische Herausforderung ersten Ranges
Stiftungs-Vorsitzender Prof. Dr. Thomas Olk zur Arbeit der Enquete-Kommission
Seit Dezember 1999 arbeitet die
Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages "Zukunft des bürgerschaftlichen
Engagements". Ihr Auftrag ist es, auf der Grundlage einer
systematischen Bestandsaufnahme politische Handlungsempfehlungen
zur Unterstützung der unterschiedlichen Formen bürgerschaftlichen
Engagements zu formulieren. Bis März 2002 soll der
Kommissionsbericht dem Deutschen Bundestag vorgelegt werden.
Im Verlaufe der Diskussionen in der Enquete-Kommission des
Bundestags "Zukunft des bürgerschaftlichen Engagements"
ist deutlich geworden, dass das Verhältnis von Sozialstaat und bürgerschaftlichem
Engagement auf zwei Ebenen diskutiert werden muss. Zum einen müssen
die Rahmenbedingungen für den gesamten Bereich des Engagements
verbessert werden. Es muss also Ansprechstellen sowohl auf Bundes-,
Landes- und kommunaler Ebene geben, die sektorübergreifend für
Fragen des Engagements zuständig sind. Zum anderen muss die Förderung
bürgerschaftlichen Engagements als eine Frage behandelt werden,
die grundsätzlich alle Ressorts und Politikbereiche betrifft. So
bedeutet etwa Engagementförderung im Bereich der Schule etwas
anderes als im Bereich des Gesundheitswesens. Die Freiwilligen
Feuerwehren haben andere Probleme und Anliegen als Übungsleiter
im Sport oder Initiativen und Projekte in Umweltschutz, Kultur
und Sozialbereich.
Bürgerschaftliches Engagement benötigt nicht allein Maßnahmen
sozialrechtlicher Absicherung (Haftungsrecht, Versicherungsschutz
usw.), sondern vor allem die Etablierung einer umfassenden Kultur
der Anerkennung. Zwei Ansatzpunkte sind besonders hervorzuheben:
Zum einen geht es darum, vermehrte Anstrengungen dafür zu
unternehmen, dass sich bürgerschaftliche Tugenden und
Kompetenzen herausbilden können. Unsere pädagogischen
Institutionen - von der Kindertagesstätte über das
Jugendzentrum bis hin zur Schule - müssen derart umgestaltet
werden, dass die Entwicklung von Motiven des Gemeinsinns und
sozialer Kompetenzen gegenüber der Vermittlung reiner
Wissensinhalte ein stärkeres Gewicht erhält. Darüber hinaus wäre
im Rahmen einer breit angelegten Anerkennungskultur das bürgerschaftliche
Engagement zu würdigen und zu ermutigen. Dies schließt neue und
phantasievolle Formen der Ehrung ein, die auch für junge
Menschen attraktiv sind. Darüber hinaus müssen Organisationen,
die mit engagierten Bürgerinnen und Bürgern arbeiten, durch
geeignete Einsatzbedingungen, Mitbestimmungsrechten und die
Bereitstellung materieller Ressourcen deutlich machen, dass sie
die Bedürfnisse, Anliegen und Probleme von Engagierten wirklich
ernst nehmen. Auch attraktive Qualifizierungsangebote, die zu
einer Erweiterung persönlicher Kompetenzen und zu verwertbaren Fähigkeiten
und Fertigkeiten führen, sind Bestandteile einer
Anerkennungskultur.
Eine Politik der Förderung von Engagement darf keine
Alibiveranstaltung oder bloße Politik der guten Worte bleiben.
Sie muss die Kerninstitutionen von Sozialstaat und Gesellschaft
erreichen und damit wirklich zu einem neuen Gesellschaftsvertrag
zwischen Staat und Gesellschaft beitragen. Dies wird aber nur
gelingen, wenn die Institutionen und Einrichtungen des
Sozialstaates für die Beteiligung und Mitsprache der Bürgerinnen
und Bürger geöffnet werden. So ist es etwa für Kinder und
Jugendliche bedeutsam, dass sie in Kindertagesstätten, Jugendhäusern
und Schulen wirklich mitreden können, dass sie ihre Vorschläge
äußern und ihre praktischen Ideen verwirklichen können. Dabei
geht es nicht immer um die Änderung von Gesetzen. Oft ist es
wichtiger, die Leitbilder, Konzepte und Rahmenbedingungen von
Institutionen nicht nur an der optimalen Versorgung von
Zielgruppen, sondern an deren aktiver Beteiligung und Mitwirkung
auszurichten.
Ein echter Einstieg in eine Politik der Engagementförderung wird
Widerstände und Einwände mächtiger gesellschaftlicher Gruppen
auslösen. Hier gilt es, berechtigte Einwände und Ängste sorgfältig
abzuwägen und zu prüfen, was getan werden muss, um negative
Auswirkungen zu verhindern. Andererseits muss die Enquete-Kommission
deutlich machen, dass die Verwirklichung des Leitbilds einer
aktiven Bürgergesellschaft gesellschaftliche Macht neu verteilt.
Prof. Dr. Thomas Olk ist sachverständiges Mitglied der Enquete-Kommission "Zukunft des bürgerschaftlichen Engagements".